ARD, Sonntag, 3. September: "Ich bin 18 Jahre alt und lebe in der DDR" von Katharina und Dietrich Schubert

Ein Bericht aus einem nah gelegenen und zugleich unendlich weit entfernten Land. Ein Report über Schüler, die Lehrlinge sind: künftige Abiturienten im blauen Kittel. Ein Film, der am Beispiel einer Achtzehnjährigen die Lebensweise jener jungen DDR-Bürger verdeutlichte, die mit Hilfe einer kombinierten Ausbildung zugleich die Hochschulreife und einen qualifizierten Berufsabschluß erreichen: Wie geht das zu, in den betriebseigenen Internaten, was wird in der Schule gelehrt was geleistet, in der Praxis vor Ort, wie sehen die Wochenenden aus und mit welchen Gefühlen, ihren Kollegen und den Erziehern gegenüber, kehren die jungen Polytechniker am Montagmorgen in die Betriebe zurück?

Ein fremdes Land, ein fremdes Leben wurde gezeigt. Von Ziel-Zensuren war die Rede, auf die sich einer zu Beginn des Schuljahrs verpflichten könne (eine bestimmte Mathematiknote als zu erfüllendes Soll), von Lerngruppen und Sekretären unter den Schülern, von Begriffen wie Brücke, Balken und Verschlauchung, die sich als termini technici aus dem Bereich der Steuer-, Meß- und Regeltechnik erwiesen.

Und keinerlei Hilfen für den Betrachter am Bildschirm; kein Kommentar, keine Textkrücke, die in gewohnter Weise den Übergang zwischen Szene und Szene rasch begehbar gemacht hätte. Hier sah sich der Zuschauer endlich einmal gefordert; hier folgte den Interpretationen aus der Sicht der DDR nicht, wie üblich, die Schnellzüngige Korrektur bundesrepublikanischer Prägung. Nichts wurde mit rascher Hand vom Tisch gewischt: Wenn der Lehrer von neofaschistischen Tendenzen jenseits der Elbe sprach, dann blieb der Satz stehen, und wenn die Schüler-Lehrlinge mit dem Ausdruck des entsetzten Staunens die Frage verneinten (seltsam, wie man so etwas überhaupt fragen könne), ob nicht am Ende ihrer Ausbildung die Arbeitslosigkeit auf sie warte, dann blieb die These, das Recht auf Arbeit sei in der DDR einklagbare Gewißheit, ebenfalls stehen.

Aber stehen blieb auf der anderen Seite auch die Verweigerung den gesellschaftlichen Verpflichtungen (konkret: Dogma und Drill) gegenüber; stehen blieb das fröhliche Gähnen der jungen Bürger angesichts der großen Phrasen von Seiten der Alten; stehen blieb die Verteidigung des Spießer-Reglements durch die Erzieher (ab acht Uhr abends kein Jungenbesuch auf den Zimmern der Mädchen – eine Anordnung für Achtzehnjährige!); stehen blieb der hanebüchene, Marx auf den Kopf stellende Unsinn (Motto: Strikteste Trennung von Arbeit und Freizeit) – ein Aberwitz, der in dem Satz gipfelte: "Man kann in zwei Stunden so lustig sein, daß es für die ganze Woche ausreicht." Im katholischen Konvikt hört man’s nicht anders.

Ein befremdlicher Film über ein fremdes, weil fernes und nahes Land – ein Film, der das gesetzte Ziel mit großer Konsequenz erreichte: den immer an dieHand genommenen, immer gegängelten, immer von Väterchen Kommentator behüteten Zuschauer die Dinge endlich einmal unmittelbar in all ihrer Widersprüchlichkeit sehen zu lassen – in ihrem Glanz und ihrer Schäbigkeit, ihrer humanen Zielvorstellung, und ihrer kleinbürgerlich-bürokratischen Verfälschung,

Von winzigen Hinweisen abgesehen (Im Text: Eine Mutter glaubt an Basisdemokratie, aber ein Erzieher erklärt, daß davon nicht die Rede sein dürfe – Schluß mit der Diskutiererei! Im Bild: Während der Spruchband-Rede-eines Funktionärs erfaßt die Kamera ein selig gähnendes Mädchen) ... mit Ausnahme einiger indirekt zarter Appelle – Obacht, hier wird Gegenläufiges sichtbar! – beschränkte sich das Autorenpaar Schubert auf eine Darstellungsweise, die den Charakter der staunend-distanzierten Präsentation hatte: Seltsam, dies alles, nicht wahr? In jedem Fall wert, mit Hilfe kritischen Nach-Denkens über das Gezeigte auf die eigene Situation bezogen zu werden.

Dreiviertel Stunden lang wurde sichtbar, wie eine Publizistik aussehen könnte, die darauf abzielt, erwachsene Leute mit den entsprechenden Informationen zu versehen – Informationen ohne Gebrauchsanweisung also: offen präsentiert und des Fazits von Seiten des Betrachters bedürftig. Momos