Keine Stadt in der großen, weiten Welt ist so tierlieb wie Paris. Wär’ ich kein Mensch, sondern ein Kater, könnte ich mich mitten auf den Boulevard St. Germain legen: Die Autos mit den Pariser Nummern 75 hielten alle an, die Schutzleute streichelten mich. Ja, daß die Bürger von Paris noch leidlich nett miteinander umgehen, liegt an der Ähnlichkeit, die wir Menschen mit den Tieren immerhin noch haben. Aber ich will noch weitergehen in meinen Behauptungen.

Die beschissenste Stadt in der großen, weiten Welt ist Paris. Das beschissenste Viertel dieser Stadt ist das Quartier Saint-Germaindes-Près. Ich weiß es, weil ich dort selbst auf jeden Schritt achthaben muß, sobald ich das Haus in der Rue de l’Echaudé verlasse. Gestern zum Beispiel sah ich einen gebildeten Herrn, der zwischen Trottoir und Rinnstein einen Bernhardiner hinter sich herzog. Das heißt, er selbst befand sich auf dem Trottoir, der Bernhardiner im Rinnstein. Das stattliche Tier hatte eine halbsitzende Stellung inne. Seine Vorderbeine waren in Bewegung: nolens volens, wie die alten Römer sagten. Und der gebildete Herr zog aus Leibeskräften. Gerade daran war seine Bildung kenntlich. Das Benehmen seines Bernhardiners war eben nicht so recht salonfähig, weil er einen gelben Strich hinter sich herzog. Wir anderen Lebewesen in der Rue de l’Echaudé schüttelten alle die Köpfe. Denn wenn ein Tier irgendwo tun darf, was es will, dann zu Paris, dann im Quartier Saint-Germain-des-Près, besonders in der engen Rue de l’Echaudé.

Hier und heute bin ich nun in der Lage, ein Geheimnis zu entschleiern, das mich und andere geraume Zeit beschäftigt hat; Es handelt sich um Vogelflug.

Schlag zwei Uhr nachmittags nämlich flattern Tauben, nämlich einhundert, zweihundert, dreihundert oder mehr die Rue de l’Echaudé aus Richtung Rue Jacob, wo einst Richard Wagner wohnte, in Richtung Boulevard St. Geimain, wo das Denkmal Dantons s:eht. Zwei Uhr. Nicht früher, nicht später, und nie in andere Richtung. Stets nur Richtung Wagner-Danton. Es geht eilig zu, ein enormes Flattern. Und schon oft war ich versucht, Herrn Professor Lorenz um Auskunft zu bitten: Haben sie ein Zeitgefühl, die Tauben? Ein Richtungsgefühl? Und warum ist nur ein einziges Mal eine Taube niedergestoßen, als ich Punkt zwei das Haus verließ, und hat mich – ffft – ins Auge getroffen, die Taube, Symbol der Unschuld. Ein einziger Strahl, und mir ins Auge.

Heute aber sah ich um die gleiche historische Stunde Ecke Rue de l’Echaudé und Rue del’Abbaiye, just vor dem neu hergerichteten Abtei-Palais, eine Frau, eine ältere, einfach gekleidete Frau, die eine schwere Einkaufstasche auf Rädern hinter sich herzog. Sie hielt an, öffnete die Tasche, und sogleich war um sie her eine Gloriole von Tauben. Ihre schwere, geräderte Tasche war gefüllt mit Vogelfutter. Die Frau streute die Körner mit vollen Händen um sich her und in die Luft. Die Tauben setzten sich auf ihren Kopf, auf ihre Schultern, flogen umher und durcheinander, und leider muß gesagt werden, daß zwei dieser gefiederten Symbole der Unschuld vor lauter Begeisterung in Liebe verfielen und nicht rechtzeitig auseinanderkamen: Ein Auto kam des Weges und fuhr sie langsam, aber sicher tot.

Nun, immer noch besser (so dachte ich) als die in Wien und Hamburg praktizierte Übung, die Tauben zu vergiften im Park oder auf dem Rathausmarkt.

Aber schließlich war ich froh, dem Geheimnis der Rue de l’Echaude auf die Spur gekommen zu sein. Die Tiere sind nur deshalb so pünktlich, weil die Frau so pünktlich ist. Und weil sie tierlieb ist, sind die Tauben menschenlieb. Manchmal liegen die – Geheimnisse in Kleinigkeiten.