Von Otto Köhler

Zwei umfangreiche Konversations-Lexika kämpfen seit dem letzten Jahrhundert um die Gunst des deutschsprachigen Publikums: Brockhaus und Meyer. Sie sind die Marktführer neben vielen kleinen, unter denen der katholische Herder der bedeutendste ist. Der erste Meyer erschien 1840 mit 52 Bänden. Er hat heute die neunte Auflage erreicht. Der erste Brockhaus mit acht Bänden entstand 1806 aus einem unvollendet gebliebenen anderen Lexikon. Ende 1977 begann seine 18, Auflage.

Der Brockhaus war in den letzten Jahrzehnten vom Glück begünstigt und vom Pech verfolgt. Meyers Lexikon erschien 1936–1942 mit seiner achten Auflage bis zum Stichwort "Soxhlet". Vollendet wurde diese Auflage nach 1945 nicht, weil sie von Nazi-Ideologie erfüllt war. Brockhaus dagegen kam nur noch mit den letzten Bänden seiner 15. Auflage in die ersten NS-Jahre. Man merkte es ihnen an, doch das erwies sich als weniger rufschädigend denn der (Nazi-) Meyer. Eine neue Brockhaus-Auflage im Geist der neuen Zeit war für 1939 geplant – der Krieg verhinderte sie. Das Verlagshaus in Leipzig wurde durch Bomben zerstört, doch die Unterlagen für die Neuauflage blieben im Keller verschont und wurden nach dem Krieg nach Westdeutschland gerettet.

So konnte Brockhaus schon 1952 in Wiesbaden die erste Nachkriegsausgabe ("Der Große Brockhaus", 16; Auflage, 12 + 3 Bände) herausbringen. Die umfangreichere Brockhaus-Enzyklopädie (17. Auflage, 20 + 4 Bände) folgte 1966 bis 1976. Meyers Enzyklopädisches Lexikon (9. Auflage, 25. Bände) begann erst – fast zwei Jahrzehnte nach Brockhaus – 1971 zu erscheinen und ist inzwischen beim 22. Band angelangt.

Ein großer Zeitgewinn für Brockhaus – doch zu welchem Preis. Bei Meyer bereitete man die 9. Auflage von Grund auf neu vor – mit der achten (Nazi-)Auflage wollte man nichts mehr zu tun haben. Bei Brockhaus aber baute man auf dem Material, das man aus den Kellern der Nazi-Zeit in die Bonner Republik gerettet hatte. Das machte sich besonders fatal bei der umfangreichen Enzyklopädie von 1966 bemerkbar. Deren Chefredakteur war (fünf Jahre lang) ein Mann, der nach dem Krieg im Brockhaus-Verlag willkommenen Unterschlupf gefunden hatte: Wilhelm Hehlmann, zuvor Dozent am Erzieher-Seminar der Adolf-Hitler-Schule auf der NS-Ordensburg Sonthofen. Er wollte mit einem vielbenutzten "Pädagogischen Wörterbuch" (Kröner-Verlag) dazu beitragen, "die Bewegung Adolf Hitlers als weltgestaltende Macht für alle Zukunft durchzusetzen".

Hehlmann zog professorale Gesinnungsgenossen von einst zur Mitarbeit am Brockhaus heran, und so entstand eine Enzyklopädie, die sicherlich nicht offen nazistisch war, aber doch in vielem dem Stand einer deutschen Wissenschaft von 1940 entsprach, (Ich habe dies im einzelnen belegt: Westdeutsches Fernsehen", "Frankfurter Hefte", "Stern".)

Jetzt hat sich Brockhaus überraschend schnell entschlossen, eine neue, die achtzehnte Auflage ("Der Große Brockhaus", jeder Band 108 Mark) auf den Markt zu bringen, von der bisher drei Bände vorliegen. Zwölf Bände werden erscheinen. Der Große Brockhaus ist also knapper angelegt als die Brockhaus-Enzyklopädie, die weiterhin erhältlich ist. Zum Vergleich: Das Stichwort "Afrika" (mit Zusammensetzungen wie afrikanische Sprachen) umfaßt im Großen Brockhaus (1977) 14 Seiten, in der Brockhaus Enzyklopädie (1966) 25 Seiten, und in Meyers Enzyklopädischem Lexikon (1971) 94 Seiten. Technisch ist der Große Brockhaus üppiger als die Enzyklopädie ausgestattet. Diese druckt Farbe nur auf besonderen Seiten, der Große Brockhaus dagegen ist ebenso wie der Meyer durchgehend in Farbe,