Berlin: "Lil Picard"

Zur Vernissage packte sie sich ins Bett und bot eine Entkleidungszeremonie, einen Strip, den sie "Bedtease" nannte und der deshalb so unüblich war, weil die Dame, die ihn bis zu den Dessous trieb, 79 Jahre alt ist. Daß diese performance nicht zur Peinlichkeit wurde, ist der Persönlichkeit von Lil Picard zu verdanken, der Allround-Künstlerin aus New York. Sie eröffnete so ihre erste, umfangreiche Ausstellung in der alten Heimat, die der Neue Berliner Kunstverein ihr einrichtete. Mit diesem Einstand bewies Lil Picard (die hierzulande eher als Kunstkritikerin bekannt ist) zwar abermals ihren Ruf als unverwüstliches enfant terrible der Kunstszene, aber mit dieser Doppelausstellung (die andere gibt es parallel in der Galerie Werner Kunze) will sie endlich auch als Künstlerin ernst genommen werden. Diese Frau im "biblischen Alter", wie man bei einem Mann sagen würde, die seit vierzig Jahren in New York lebt, hat geschafft, was verblüfft und irritiert: Man rechnete sie immer zur Avantgarde, ohne daß sie ihr Mäntelchen nach dem Wind hängte. Daß sie zur New Yorker sogenannten Szene zählt, hat sie selbst in unzähligen Künstlerporträts dokumentiert. Von Warhol bis Christo zeichnete sie die berühmten Kollegen bevorzugt auf Mundtücher aus Papier oder aus Stoff, deshalb bezeichnet sie diese Künstleransichten auch als "Serviettenporträts". Die witzigen, frechen, manchmal auch mit naivem Kalkül gezeichneten Porträts sind aber mehr als nur künstlerische Kolportagen zur New Yorker "Szene". In ihnen erweist sich die Picard tatsächlich als Künstlerin von Rang. Das gleiche gilt für ihre Photomontagen, ihre "Earwig-(Ohrwurm)-Collagen" oder auch für ihre flüchtigen "Messages" oder "Entmaterialisierungs-Serien". Da werden (etwa zum Thema Watergate) Porträts von Kissinger, Nixon oder Ford vom Photo bis hin zum nur noch punktierten Schema "entmaterialisiert". Daß sich hinter der koboldartigen Attitüde, mit der sich In Picard gern umgibt, auch (politischer) Ernst verbirgt, hat sie nicht nur mit der Watergate-Serie, sondern auch in der Serie über den qualvollen Tod ihres Mannes bewiesen. Lil Picard, die sich im Lauf ihres langen Lebens schmückende Titel wie "Großmutter der Hippies" oder "Muse der amerikanischen Avantgarde" erwarb, die sich selbst aber als "frustrierte Schauspielerin" oder als "absolute Nachfolgerin von Schwitters" bezeichnet, hat mit dieser Doppelausstellung, in der Dada schon dabei ist, Arbeiten präsentiert, denen im Katalog treffend attestiert wird, sie hätten einen "Charme, der den Unernst als Komplementärfarbe des Ernstes" immer mit einbezieht. (Neuer Berliner Kunstverein und Galerie Werner Kunze, bis 30. September, Katalog 6 Mark) Daghild Bartels

Esslingen: "Sammlung Lütze II"

Die Sammlung Lütze I, Kunst des deutschen Expressionismus, von Max Lütze in jenen Jahren erworben, als sie für entartet galt, ist seit längerem als Leihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart. Die Sammlung Lütze II ist wesentlich jüngeren Ursprungs und weder Fortsetzung noch Ergänzung der ersten. Diethelm Lütze, der Neffe, durch das Beispiel seines Onkels zum Sammeln angeregt, besitzt ein klar umrissenes Konzept, das sich in den wenigen Werken bereits andeutet, die er aus dem Besitz von Max Lütze übernommen hat: Arbeiten von Albert Weisgerber und Georg Schrimpf, von Otto Baum und Fritz König. Er sammelt Malerei und Plastik des 20. Jahrhunderts aus Süddeutschland. Der Katalog zählt rund dreihundertundvierzig Namen auf. Mit wenigen begründeten Ausnahmen hat der Sammler von jedem Künstler nur ein Werk erworben; den Klassikern Hölzel, Schlemmer, Baumeister, unter den Lebenden Alfred Hrdlicka und Fritz Ruoff, ist doppelte oder mehrfache Präsenz zugestanden. Diethelm Lütze zielt auf Vollständigkeit Alle Stilrichtungen sind vertreten, von der Freilichtmalerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der frühen Abstraktion bis zu den Photosequenzen und Assemblagen unserer Tage. Überwiegend ist die eine ausgewählte Arbeit exemplarisch für das Werk des Künstlers. Das macht den Rang der Sammlung aus, um die manches Museum den Privatmann Diethelm Lütze beneiden dürfte. (Villa Merkel, bis zum 17, September; Katalog 10 Mark)

Helmut Schneider.

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Edvard Munch – Arbeiterbilder 1910–1930" (Staatliche Kunsthalle bis 27. September, Katalog 19 Mark)