Über den Regisseur Louis Malle und seinen neuen Film "Pretty Baby"

Von Hans C. Blumenberg

Wer ist Louis Malle? Kein anderer Regisseur von vergleichbarem Rang hat derart unterschiedliche Filme gedreht, hat sich so konsequent vermeintlichen Publikumserwartungen und kommerziellen Spekulationen entzogen. Malles Werk ist schmal – nur elf Spielfilme seit 1957, dazu eine siebenteilige Dokumentarfilmserie über seine Jahre in Indien ("Phantom India") und diverse Kurzfilme –, doch seine Filmographie weist eine verstörende Vielfalt an Sujets und Stilen auf: fast so, als wollte da einer beweisen, daß sich auch ohne die Markenzeichen der politique des auteurs (erkennbare thematische und formale Kontinuität à la Truffaut oder Chabrol) wichtiges Kino herstellen läßt. So stehen scheinbar beziehungslos nebeneinander das elegische Ehebruchs-Drama "Die Liebenden" (1958) und der verwegene, unmögliche Versuch, Raymond Queneaus "Zazie dans le Metro" zu verfilmen ("Zazie", 1960), die kühle Selbstmörder-Studie "Das Irrlicht" (1963) und die extravagante Hollywood-Parodie "Viva Maria" (1965), die Inzest-Komödie "Herzflimmern" (1970) und "Lacombe, Lucien" (1974), die Geschichte eines naiven Bauernjungen, der im besetzten Frankreich mit der Gestapo kollaboriert. Direkt danach kam "Black Moon" (1975), die surrealistische Expedition einer fünfzehnjährigen Alice in ein wundersames Niemandsland, bevölkert von sprechenden Tieren, einem Einhorn und einer Greisin (Therese Giehse), die sich in einen Säugling verwandelt.

Mit jedem dieser Projekte hat sich Louis Malle, der aus einer der reichsten Familien Frankreichs stammt (der Zuckerdynastie Béghin) und gewiß nicht auf seine Einkünfte aus der Filmarbeit angewiesen ist, sehr viel Zeit gelassen. Er ist ein Außenseiter in der an Kumpanei so reichen französischen Kinoszene, und er genießt diesen Status: "Ich habe versucht, meinen Erfahrungsbereich sowohl in meinem Leben als auch in meiner Arbeit so weit wie möglich auszudehnen. Vielleicht ist das falsch, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist dadurch wahrscheinlich mein Leben interessanter und meine Arbeit vielleicht uninteressanter geworden. Anstatt immer das gleiche Loch zu graben, habe ich versucht, verschiedene Wege einzuschlagen, verschiedene Techniken anzuwenden und offen zu bleiben. Ich bin – immer sehr neugierig auf Leute und auf mich selber gewesen." (Aus einem Interview mit der Zeitschrift Rolling Stone.)

Seine Offenheit – die des aufgeklärten Großbürgers, den gewisse gesellschaftliche Tabus mißtrauisch stimmen – führte Malle häufig zu riskanten Sujets, von denen weniger unabhängige Regisseure wohl die Finger gelassen hätten: Selbstmord, Inzest, Kollaboration. Schon "Les Amants" erregte vor zwanzig Jahren Anstoß wegen der "freimütigen" Darstellung des mit kühlem Kalkül vollzogenen Ehebruchs einer Frau, und auch der rüde Gossenjargon von Queneaus Zazie, die in Paris ihren Onkel, einen Transvestiten, besucht, trug zu Malles Reputation als "Skandal-Regisseur" bei. Vielleicht sieht sich dieser Cinéast selber am liebsten in der Rolle Jean-Paul Belmondos in seinem Film "Der Dieb von Paris" (1966): als wohlhabender Anarchist, der gegen alle Regeln seiner Klasse verstößt, aber dennoch nie die Contenance des feinen Mannes verliert. Denn auch das vermeintlich so Skandalöse (die Mutter-Sohn-Beziehung in "Herzflimmern" zum Beispiel) beschreibt Malle mit einer solchen ästhetischen Raffinesse, daß der Zuschauer die Provokation vor lauter erlesenen Bildern und subtilen psychologischen Nuancen erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Das Unerhörte zeigt Malle als das Selbstverständliche, denn er enthält sich jeder moralischen Wertung.

Das Freudenhaus als Spielplatz