Adorno, sein Denken, ist dem Bestehenden (in dem er sich sehr gut auskannte) so kompromißlos entfremdet, daß selbst seine Kompromisse mit einer ihm verhaßten Ordnung sein Denken integer lassen. Wo er auf die Wahrung, der Form insistiert, protestiert er gegen einen Radikalismus, der im Namen des Kampfes gegen Lüge und Repression auch das zerstört, was an der Tradition noch gerettet werden muß, wenn anders das Grauen aufhören soll. Wenn Adorno mit keiner organisierten Gruppe, Partei oder Bewegung sich identifizieren konnte, bezeugt dieser politische Puritanismus die Angst, daß solche Identifizierung das wesentlich transzendente Bild des Sozialismus als einer qualitativ anderen Gesellschaft der, Macht des Bestehenden ausliefern würde. Von dieser Macht hatte Adorno einen nur allzu Realistischen Begriff. Die Hoffnung, daß das Grauen sein Ende findet, hat er nie aufgegeben. Aber es war eine Hoffnung, die nicht datierbar war. Das Hier und Jetzt der Studentenbewegung erschreckte ihn, und doch war sie gerade in ihren extremen Manifestationen ein Teil seines eigenen Wesens. Wenn er gegen die Studentenbewegung gesündigt hat, war es auch eine Sünde gegen den eigenen Geist. Hätte er durch all die von ihm etablierten Vermittlungen hindurch den Weg zu diesen Menschen zurückgefunden? Ich habe mit Adorno schwere Differenzen gehabt, Differenzen einer Einheit. Sie zerstörten nicht die Solidarität. Ich fühle, daß nach seinem Tode die Welt ärmer geworden ist und trostloser.