So muß einem Hausherrn zumute sein, dem hinterm Rücken eins seiner Zimmer in einem Stil, den er nicht schätzt, neu eingerichtet wurde. Im übertragenen Sinn trifft das auf mich zu. Mit dem Haus meine ich die Stadt, in der ich lebe (München, doch es könnte überall sein), mit dem Zimmer ein kleines Café.

Das Café war ganz unwichtig, ohne großen Namen, nicht wie das "Anast", für das die ganze Stadt kämpfte, ohne Tradition, ein bißchen abgewetzt und so uninteressant altmodisch, daß selbst der unverschämteste Trödler es nicht gewagt hätte, das Mobiliar als Antiquitäten anzubieten. Das Café war so etwas wie ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs, gleich einem Paar ausgetretener Schuhe oder zerschlissenen Hausjacken, von denen man sich, obgleich kein Staat damit zu machen ist, um keinen Preis trennen würde.

Ich hatte das Café gern. Gelegentlich hatte ich dort vor Regenschauern Zuflucht gesucht, gelegentlich hatte ich dort gewartet, und es war mir trostreich erschienen, in seine Schatten einzutauchen. Natürlich habe ich mir manchmal eingeredet, daß ich in seinen Polstern vor den Unbilden der Welt geschützt sei wie auf einer Insel der Seligen, wenn man nur den Zugang kennt.

Das kleine Café, war wenig bemerkenswert, abgesehen davon, daß es war und roch, wie es sein und riechen mußte, dämmerig und still, mit Tageszeitungen und einer Lesemappe, mit Tischplatten aus Kunstmarmor und dem Duft von kalter Zigarettenasche, Mokka und Kirschtorte. Und das war bemerkenswert genug.

Seit ich zuletzt dort war, ist vielleicht ein Jahr vergangen. Dann ergab es sich, daß ich in der Nähe mit einem Besucher verabredet war. Ich überlegte, wo man sich eine halbe Stunde ungestört unterhalten könnte. Das kleine Café kam mir in den Sinn. Ich dachte mir, daß es das richtige Lokal für ein gedämpftes Gespräch wäre, für ein Täßchen Kaffee, ein Gläschen Kognak.

Leider gab es das Café nicht mehr. An der Ecke hatte sich eine Imbißstube von McDonalds mit Neon und Plastik etabliert, eine von Dutsenden. Sicher hat nicht immer ein kleines, unwichtiges Café weichen müssen. Es wäre auch nicht weltbewegend. Einen Stich hat’s mir aber doch gegeben, so wie einem Hausherrn, der eines seiner Zimmer nicht mehr wiedererkennt;

Ich kann mir nicht vorstellen, daß man sich vor drohenden Regengüssen in solch eine Plastikhöhle flüchtet und bei Hamburgers und Coke die Tageszeitung liest. Die Tür ist an derselben Stelle, aber der Zugang, den ich meine, ist das nun nicht mehr. Wolfgang Boller