Von Uwe Prieser

Prag

Die Weltrekordlerin Marlies Göhr aus Jena schlug im Ziel des 100-m-Laufes vor Freude die Hände vors Gesicht. Der Wattenscheider Michael Wessing führte an der Speerwurfanlage einen Freudentanz auf, als sein Speer 89,12 Meter weit geflogen war. Später standen sie im Interviewraum, kühl, gelassen, scheinbar schon wieder entfernt vom eigenen Glück; und die nüchterne Wettkampfanalyse lieferte zum Erfolg die Geschichte – aber nur die halbe.

Erklärungsversuche, "das ist so gekommen, weil" ... Doch da war einmal während des Wettkampfes der Augenblick einer "großen Empfindung" (Wessing), viel tiefer als später die Freude über den fertigen Triumph. Und da ist der Gedanke: Mensch, du kannst ja gewinnen. Der Potsdamer Volksarmist Olaf Beyer spürte ihn, als er sich 100 Meter vor dem Ziel des 800-m-Laufes noch Schulter an Schulter mit Steven Ovett und Sebastian Coe, den Favoriten aus England, sah. Da habe er mit einmal gewußt, daß er gewinnen könne, erklärt er später. Ein Blitzschlag der Erkenntnis über die eigene Kraft. Und vielleicht eine Erklärung für einen Leistungssprung von zwei vollen Sekunden in diesem einen Rennen. Dafür hatte er zuvor fast drei Jahre gebraucht.

Den Speerwerfer Michael Wessing traf die Überzeugung von seinem Sieg scheinbar paradoxerweise nach seinem zweiten, völlig verunglückten Versuch. Er sagt, lange habe er einen Speer nicht mehr so hoch in den Himmel fliegen sehen, aber da sei eine Spannung in seinem Körper gewesen und ihm über den Rücken gelaufen, und wie der Speer ihm dann aus der Hand gezischt sei, habe er gewußt, das kannst du hier packen. Vielleicht war es diese plötzliche Gewißheit über die eigenen Möglichkeiten, die ihm die Kraft gegeben hat, den Gewaltwurf des Sowjetathleten Nikolai Grebnew von 87,74 Metern umgehend mit seinem Siegeswurf von 89,12 Metern zu beantworten.

Der Hürdenläufer Harald Schmid kniete sich bereits mit der tiefen Überzeugung, in etwas weniger als 50 Sekunden Europameister im 400m-Hürdenlauf zu sein, in den Startblock. Zwar hat auch er die Last gespürt, daß niemand, er selbst eingeschlossen, seine Niederlage verstehen würde, zwar hat er sich an der vierten der zehn Hürden das Knie aufgeschlagen und einen Bluterguß geholt, aber seine innere Gewißheit hielt ihn stabil. Später wurde Harald Schmids Erfolgsspiel mit "unbändigem Siegeswillen" beschrieben, den er in diesem Rennen gezeigt habe. Aber es war gar nicht dieser unbändige Wille zum Sieg, sondern der Sieg selbst, der schon vor dem Start in ihm gesteckt hat.

Der sowjetische Zehnkämpfer Alexander Grebenjuc: Fast 300 Punkte lag er nach den fünf Übungen des ersten Tages hinter dem Engländer Daley Thompson zurück. Dann begann der Morgen des zweiten Tages mit dem 110-m-Hürdenlauf. Grebenjuc sieht sich im Ziel nach Thompson um. Der liegt fünf, sechs Meter zurück. Man erzählt ihm, Thompson sei an der ersten Hürde gestrauchelt und wäre fast gestürzt. Grebenjuc sagt, da habe er gewußt, daß für ihn noch alles möglich, daß Thompson geschlagen sei. Fortan wurde Grebenjuc von Übung zu Übung besser, Thompson aber immer schwächer. Und am Ende hatte der Außenseiter den Favoriten besiegt.