Von Zeus bis Lord Killanin – das olympische Donnergrollen hat eine neue Disziplin erfaßt: das Tauziehen um die Olympischen Spiele 1984. Los Angeles hatte sich beworben. So weit, so gut. Aber dann verlautete aus Kalifornien, daß weder die Stadt noch das Land das finanzielle Risiko eines derartigen Unternehmens tragen könne, und daß man aus diesem Grunde das benötigte Geld auf dem kleinen Umweg über eine private Gesellschaft von Geschäftsleuten zu beschaffen gedächte.

Den Häuptlingen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) blieben bei diesem Angebot aus den USA die Friedenspfeifen im Munde hängen; denn hier nun schien das Coubertinsche Wort von der "religio athletae" der Olympischen Spiele besonders arg mit Füßen getreten zu sein. Weshalb sich die modernen IOC-Mitglieder zunächst einmal und – vorläufig – grundsätzlich gegen die Bewerbung von Los Angeles aussprachen.

Wo man immer noch mit dem "Tempel" argumentiert, kann man den "Markt" schlecht als Symbol verkaufen. Und so verpafften die Häuptlinge des IOC zunächst einmal blauen Dunst, bevor sie sich mit den Realitäten einer neuen Zeit beschäftigten, in der der "Tempel" von den Aktiven, die alle die Hand aufhalten, um von Olympia zu profitieren, nur noch müde belächelt wird.

Die Olympiaorganisatoren von Los Angeles machten mit ihrer Bewerbung einen weiteren, grundsätzlichen Schritt nach vorn, indem sie dem olympischen Sport eine neue Form des Striptease verpaßten. Sie entkleiden Olympia von der Scheinheiligkeit jener antiken Hohepriesterinnen, die im maßgeschneiderten Kostüm einherlaufen und immer noch so tun, als hätten sie dem Tempel geopfert.

Der moderne Leistungssport ist kein Aufguß der Antike. Die Gedanken Coubertins von der "religio athletae", von der musisch-geistigen Schönheit der Spiele, sind überholt. Die religiöskultischen Brückenschläge in die olympische Vergangenheit der Antike haben keinen Stellenwert mehr in unserer Zeit. Der von den Aktiven geleistete Eid wird längst nicht mehr als Reinigungsritus einer "unbefleckten Wettkampfgemeinde" verstanden und akzeptiert.

Und nun werden die IOC-Häuptlinge, mit Sitz in Lausanne, durch die Bewerbung von Los Angeles mit einem Problem konfrontiert, das ihnen Tempelhüter-Kopfschmerzen bereitet, obwohl jeder weiß, daß es aus dem Engpaß, der zum "Markt" führt, keinen Weg mehr hinaus gibt. Der "Tempel" ist nur noch Etikett.

Es ist nichts Besonderes, Los Angeles die Spiele 1984 Zu geben. Es wäre – andersherum – geradezu töricht, einer Stadt die Spiele zu verweigern, nur weil sie das Geld nicht aus dem Beutel der Steuerzahler, sondern aus dem der privaten Wirtschaft zu beziehen gedenkt. Und selbst das hübsche Telegramm des US-Präsidenten Jimmy Carter, der "im Namen des amerikanischen Volkes" wissen ließ, daß er für eine Kandidatur von Los Angeles hoffe, ist nur ein kleiner Akzent auf den Nennwert jener Forderungen, die die Aktiven – "Amateur" genannt – von – den olympischen Veranstaltern der nationalen Komitees (NOK) zu verlangen pflegen.