Willy Hohkeppel, der Autor des Buches "Mythos Philosophie" (Hoffmann und Campe Verlag), schrieb in Nr. 35 vom 25. August den Aufsatz "Denken in unserer Zeit".

Immer wieder ergeht es den Veranstaltern solcher Großtreffen wie dem aufgeregten Reisenden, der viel zu viel einpackt: mit dem so gewunden formulierten, ungenauen Generalthema "Die Philosophie und die Weltauffassungen der modernen Wissenschaften" hatte man sich jedenfalls gründlich übernommen. Mit den meisten der acht Themenkreise, in die man es zerlegt hatte, wäre allein ein Weltkongreß zu bestreiten: "Die Idee des Universums" beispielsweise mit den hochkomplizierten Hypothesen der physikalischen Kosmologie; oder "Die Herausforderung der Philosophie durch die moderne Biologie", vor der die Philosophen ziemlich ratlos dastehen; "Bewußtsein, Hirn und Außenwelt" mit den altehrwürdigen Spekulationen zum Leib-Seele-Problem; "Die wissenschaftliche Begründbarkeit von Normen", die, wenn sie möglich wäre – an eine wissenschaftliche "Lösung" glaubte auch in Düsseldorf kaum noch jemand – das Freund-Feind-Schema in unserer Welt nahezu zum Verschwinden brächte; vollends aber die Frage nach der "Beherrschung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts", der sich selbständig gemacht zu haben scheint – dies alles stellt Denkarbeit für mehrere Weltkongresse dar, von den übrigen Themen, "Wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Rationalität", "Erfolge und Grenzen der Mathematisierbarkeit" und "Der Universalstreit heute" (der Frage also nach der Wirklichkeit von Gattungsbegriffen wie "die Bläue" oder "das Sanfte") gar nicht zu reden.

Die Gegenüberstellung von Philosophie und Wissenschaft, die mit einem Verhältnis von etwa einem Wissenschaftler zu neun Philosophen überhaupt keine wirkliche Konfrontation darstellte, war aber nur eine Dimension, auf der sich die andere von Ost und West oder von Marxismus und westlicher Philosophie türmte (gut ein Drittel der aktiven Teilnehmer kam aus sozialistischen Ländern). Diese vertrackte Zweidimensionalität erhöhte, wie seit langem üblich, das Durcheinander auf diesem Treffen der Philosophen, die nun selbst schon begierig auf pikante "Zwischenfälle" warten. Wenn der Hirnphysiologe, und Nobelpreisträger Sir John Eccles das Ich für den Steuermann des Gehirns hält und den menschlichen Geist für ein Ministerium, der Philosoph Mario Bunge es eher umgekehrt sieht und sich über Worte wie "Mysterium" im wissenschaftlichen Denken erregt, und wenn darauf der Akademiker I. S. Narski aus Moskau Eccles Thesen für "völlig falsch" erklärt und als "objektiven Idealismus" brandmarkt – der, wie das andere Stereotyp heißt, "mit dem materialistischen Standpunkt unvereinbar" sei – dann in hat man eine Argumentationsfigur, wie sie auf Philosophentreffen seit langem gang und gäbe ist. Die von "drüben" lassen einfach das, was die von "hüben" sagen, an ihren absoluten, wasserdichten Wahrheitskriterien ablaufen. Genau das war es ja, was der Staatsmann, Politiker und philosophierende Bürger Walter Scheel in seiner Eröffnungsrede vor den 1500 Denkern als für einen Demokraten so "unerträglich" festgenagelt hatte; und wogegen im Festvortrag Hermann Lübbe gewissermaßen die Wiederentdeckung der Curiositas, der reinen theoretischen Neugier des Forschens, die auch vor sogenannten letzten Wahrheiten nicht halt macht, deutlich genug stellte. Neues also bei der "Begegnung" von Ost und West, das gab es nicht.

Wenn ich mich auf Erwähnenswertes, Festzuhaltendes bei diesem Kongreß besinnen soll, dann möchte ich am ehesten eine böse Panne erwähnen, die den gesamten Kongreß erheblich um seine Glaubwürdigkeit gebracht hat. Da waren erstmals – dank der Initiative Alwin Diemers, der diesen Kongreß in Düsseldorf ausrichtete und nun zum neuen Präsidenten der "Föderation Internationale des Societes de Philosophie" gewählt wurde – Philosophen aus Afrika auf einem solch repräsentativen Kongreß mit einem eigenen Symposion präsent. Als Zuhörer saßen ihnen dann in einem Saal, der ein paar hundert Menschen faßt, zwanzig bis fünfundzwanzig Zuhörer gegenüber. Man hatte sie, die Vertreter der auch hier mehrfach angesprochenen Dritten Welt, allein gelassen mit ihren Problemen, ob etwa aus ihrer eigenen Tradition ein Philosophiebegriff rekonstruierbar sei oder ob sie sich mit einem historischen Salto mortale auf die Ebene derzeitigen wissenschaftlichen Philosophierens schwingen sollen. "Wir dünken uns das Zentrum der Welt", und demgegenüber "könnte es hilfreich sein, wenn wir etwas von den beharrenden Kräften außereuropäischen Denkens unserer Zivilisation vermitteln könnten" – diese Worte ihres Schirmherrn Walter Scheel wohl im Ohr, zogen es die Philosophen – die aus dem Westen so gut wie die aus dem Osten – vor, sich weiterhin als Zentrum der Welt zu fühlen.

Festzuhalten wäre schließlich noch in diesen Randnotizen zu einer Denker-Olympiade, die eigentlich mehr Konfusion stiftete als Klärung brachte, wie erstaunlich einig man sich darin war, daß die Beherrschung des wissenschaftlichtechnischen Fortschritts nur durch mehr wissenschaftlich-technischen Aufwand gelingen könne, und nicht durch Abbremsen der Entwicklung. Natürlich können, wie sie sagen, die aus den sozialistischen Ländern – repräsentiert durch den ungewöhnlich sachlichen Wissenschaftsmanager D. M. Gwishiani aus Moskau und den DDR-Philosophen G. Kröber – das auf Grund ihrer Einsicht in sogenannte historische Bewegungsgesetze besser als die aus den westlichen Demokratien. Aber mit der massiven These des amerikanischen Philosophen N. Rescher "to push science ahead", "die Wissenschaft vorwärts treiben", fanden sich alle einverstanden – alle Philosophen wenigstens, denn Einzelwissenschaftler hatte man bei diesem kardinalen Wissenschafts-Thema nicht hinzugezogen.

"Die Philosophen wollten immer die Welt verändern, jetzt kommt es darauf an, sie zu verstehen", sagte John Passmore, der Moderator dieser Sitzung, in einer neuen Variante des so beliebten Vexierspiels mit der Marxschen Feuerbach-These. Zu diesem Verständnis der-Welt, in der wir leben, sollte es dann allerdings auch endlich gehören, wissenschaftliche Veranstaltungen dieser Art nicht mehr länger durch blanke Scheindiskurse an den ideologisch-politischen Animositäten vorbei zu blockieren, sondern sie entweder offen auszutragen oder aber mit seiner: "Philosophie" unter sich zu bleiben (Philosophie als Maske für ideologischen Dualismus fiel hier nur einmal, als Werner Becker aus Frankfurt sich gegen den übel manipulierenden Moderator D. Ermolenko aus Moskau zur Wehr setzen mußte). Die ekelhafte Atmosphäre der Pseudoliberalität im Umgang von Ost und West, die auch auf diesem Kongreß wieder zur Schau getragen wurde, hat derartige Spektakel vielen der besten unter den gegenwärtigen Philosophen längst schon verhaßt gemacht – wie eine "Abwesenheitsliste" zeigen würde.

Willy Hochkeppel