Albstadt/Württemberg

So arg hat’s noch nie gerumpelt", klagte die alte Frau aus dem württembergischen Flecken Killer, und die Verwalterin der nahen Burg Hohenzollern dankte Gott, "daß noch keine Besucher da waren" – Besucher, die möglicherweise von herabstürzenden Steinen im Stammsitz der letzten deutschen Kaiser erschlagen worden wären. Letzten Sonntagmorgen um 6.08 Uhr blieben Kirchturmuhren stehen, krachten Giebel und Ziegel auf die Straßen, barst Mauerwerk, als sich – wieder einmal – der Untergrund im Erdbebennotorischen Zollerngraben schüttelte.

Das Rumpeln unter der Schwäbischen Alb, das noch in der Schweiz, in Vorarlberg, in Frankreich und sogar in der DDR Regale rütteln und Lampen schwanken ließ, war das stärkste Beben in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch haben die Seismologen ihre Berechnungen nicht abgeschlossen, doch es scheint, als habe der Schock vom Sonntagmorgen die Stärke 5,8 auf der nach oben unbegrenzten Richter-Skala erreicht: Ein Wert, den der Erdbebenforscher Klaus Strobach vom Institut für Geophysik der Universität Stuttgart zwar noch "mit Vorsicht" nennt, der aber gleichwohl über dem bisherigen deutschen Rekord von 5,5 aus dem Jahr 1911 liegt, als ebenfalls auf der Schwäbischen Alb das Städtchen Ebingen erschüttert worden war.

Die Folgen waren unübersehbar. In Albstadt und in den umliegenden Gemeinden des Zollernalbkreises registrierten die Behörden bis Montag rund 1000 beschädigte Häuser, von denen etwa 60 abgerissen werden müssen.

274 Albstädter – die meisten von ihnen Gastarbeiter – verbrachten eine unruhige Nacht zum Montag in Rotkreuz-Zelten, bange auf eines der mehr als 60 Nachbeben wartend. Allein in Albstadt summiert sich nach ersten Schätzungen ein Schaden von mehr als zwanzig Millionen Mark (der freilich weitgehend durch die in Baden-Württemberg seit 1970 auf Beben-Schäden ausgedehnte Gebäude-Elementar-Versicherung abgedeckt ist). Wie durch ein Wunder verletzten herabstürzende Gebäudeteile nur 25 Menschen.

Zu klagen hatte auch das Haus Hohenzollern. Im ältesten Teil seines Stammsitzes, der katholischen Sankt-Michaels-Kapelle aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, klaffen Risse in Decken und Wänden. Und noch am Montag, so schreckte eine Meldung national gesinnte Deutsche, lag der Deckenputz auf dem "durchgerüttelten Sarkophag des Alten Fritz".

Mehr Sorgen als um gerüttelte Gebeine machten sich Bürger in Deutsch-Südwest freilich um die Sicherheit der zehn Kernkraftwerke im Erschütterungsbereich des Bebens. Für die Reaktoren, die nach den Zulassungsrichtlinien erdbebensicher gebaut sein müssen, bildete der Erdstoß vom Sonntagmorgen und seine Nachbeben offenbar keine ernste Herausforderung: Der nächstgelegene Atommeiler in Neckarwestheim war, wie auch der Block im badischen Philippsburg, nicht in Betrieb; die weiter entfernten Werke Obrigheim, Biblis 1 und 2 sowie Fessenheim im Elsaß und die Schweizer Reaktoren Beznau und Mühlenberg arbeiteten weiter. Einzig ein Forschungsreaktor im Kernforschungszentrum Karlsruhe, rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt, schaltete sich bei der Erschütterung automatisch ab. Basis für den insgesamt glimpflichen Ablauf – verglichen zumindest mit den Folgen ähnlicher Beben in Ländern der Dritten Welt – ist neben einer Portion Glück auch die Arbeit der Seismologen, deren Meßwerte sich in Richtlinien für sicheres Bauen niederschlagen. In der Bundesrepublik erfahren Statiker aus dem DIN-Blatt 1949, wo sie mit welchen Erschütterungen zu rechnen haben, Für die besonders heikle Abschätzung des Erdbebenrisikos für Kernkraftwerke erarbeiteten der Reaktorexperte Werner Rosenhauer von der Firma Interatom zusammen mit dem Seismologen Ludwig Ahorner von der Erdbebenstation der Universität Köln eine "seismische Risikokarte für das westliche Mitteleuropa", die – reichlich spät – in der Juni-Ausgabe des Fachblattes atomwirtschaft veröffentlicht wurde. Rosenhauer und Ahorner errechneten aus den in Chroniken und modernen geophysikalischen Daten vermerkten Erdbebenwerten die potentielle Gefährdung für insgesamt 428 ausgewählte Orte (siehe Karte).