Von w. Martin Lüdke

Manchmal genügt schon eine kleine, fast winzige Veränderung der Perspektive und es entsteht ein gründlich verändertes Bild, Der Tischler mit Abitur, das hier auch ein Reifezeugnis ist, der als (einfacher?) Transportarbeiter an der Basis, in der Produktion, wie man drüben sagt, arbeitet, der mit dem Parteisekretär der Stadt, keinem "Feudal-Sozialisten" und einem Schauspieler regelmäßig seinen Skat drischt, mit der sechzehnjährigen Tochter von Willy, dem Parteisekretär, befreundet ist, dieser Transportpaule, wie man ihn, wie er sich nennt, langt hin, wo es nötig ist, ohne zu fragen, fragt, wo es unmöglich scheint, nur etwas zu sagen, guckt hin, auch wo (und wenn) es anderen peinlich wird. Transportpaule macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, redet, sozusagen stundenlang, frei Schnauze, ohne (größere) Hemmungen, halt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist –

Paul Gratzik: "Transportpaule oder wie man über den Hund kommt", Monolog; RB 171, Rotbuch Verlag, Berlin, 1977; 198 S., 10,– DM.

Er kommt dabei viel herum, aber keineswegs auf, sondern eben, wenn auch am Ende gerade noch, über den Hund, wobei mehr als nur einmal siehtbar wird, wo der Hund begraben liegt.

Eine nur kleine Veränderung der Perspektive und schon gewinnt der reale Sozialismus die utopischen Züge, die ihm in der Realität abgehen, ohne daß das Bild, das hier entsteht, weniger realistisch wäre. Die Utopie, die darin steckt, ist nämlich konkret, weil sie eingebunden ist in die unzähligen Nöte, Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben in der DDR beherrschen,

Einfach macht es sich Paul Gratzik nicht: selbst gelernter Tischler, mit nachgeholtem Abitur und anschließendem Studium an einem Institut für Lehrerbildung, für zwei Jahre freier Schriftsteller, seit 1973 bis heute Kernschichter in einem Transformatoren- und Röntgenwerk in Dresden, aus freien Stücken, nicht "zur Bewährung", bewährt in der Produktion. Gratzik kennt die Verhältnisse, über die sein Paule ausdauernd monologisiert.

Einfach hat es Transportpaule allerdings auch nicht. Über den feierlich deklamierten "Mist" – "Wir Möbelwerker baun mit Holz / den Sozialismus auf – und stolz" – mokiert er sich nur. Das rechtzeitige Aufstehen zur Frühschicht bereitet ihm schon größere Schwierigkeiten. Über die Tatsache, daß Selbstverständlichkeiten wie die Einhaltung der Arbeitszeit von den Zeitungen als "grandioser Erfolg der sozialistischen Arbeitsmoral gefeiert werden", kann er sich bereits ärgern. Er fragt (sich) auch, wo die Demokratie bleibt, "wenn die Mächtigen in der Brigade ihre Posten dreifach nutzen, um sich zu bereichern" und stellt mit Oberzeugung fest, "wenn man eine Wahrheit nicht sagt, so hat man schon gelogen". Denn er und sein Freund Willy, der Parteisekretär und Vater seiner Freundin, haben viel "von diesem keinen persönlichen Profit bringenden Gedanken in sich, der sich Kommunismus nennt". Beide sind nur ein kleines Stück weit den Verhältnissen voraus, die darum gleich anders erscheinen. Aber auch die sozialistische Moral bringt Probleme, zumal dann, wenn Gefühle im Spiel sind, die sich den Gedanken nicht fügen.