Von Raimund Hoghe

Ein Gefühl von Safari. Sightseeing in Bethel. Busfahrt durch die Anstalt. Vorbei an Häusern, Fassaden, vorbei an Menschen. Im Bus Erläuterungen für den prominenten Besucher, Bundespräsident Walter Scheel. Ein paar Sätze über Gebäude und ihre Geschichte, Zahlen, Allgemeines über Personen. Draußen, am Straßenrand, getrennt von denen im Bus nicht nur durch eine Glasscheibe, stehen Patienten und winken. Einige Besucher lächeln, sind gerührt, fühlen sich bestätigt: der Safari-Blick durchs Busfenster zeigt Bethel als exotische Welt, fern der eigenen, der normalen.

Menschen, die die herrschenden (Leistungs)-Normen nicht erfüllen können und nur geringen Wert haben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, prägen das 1867 gegründete Bethel (Haus Gottes). Drei Jungen, "in deren Lebensfrühling das Leid der Epilepsie wie ein verheerender Sturm hereingebrochen", waren die ersten, Patienten. Heute bieten die zum Symbol für Menschlichkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit gewordenen von Bodelschwinghschen Anstalten mehr als fünftausend Außenseitern Platz: Epileptikern und Nichtseßhaften, psychisch Kranken, Fürsorgezöglingen, geistig Behinderten, Kindern, Alten, Heimatlosen wie dem 1904 in Rußland geborenen Emigranten Aleksej Nikolaewitsch Tschistjakow.

"Es kotzt dich hier wohl an"

Ausstellungen und Publikationen machten Mitte der siebziger Jahre auf den bis dahin namenlosen Patienten Herrn T. aufmerksam. Sein Œuvre: drei Öl- und ein Hinterglasbild, zwei Zeichnungen. Bevor die Kraft seiner Augen nachließ, hatte er "naiv" gemalt: Katastrophenbilder, Bilder der Angst, der Trauer, der Verzweiflung, von bedrohten Menschen, Ausgestoßenen, Stürzenden. Über eine seiner Figuren sagt er: "Was anderen Freude machte, war für ihn eine Traurigkeit." Motive der Bilder des Herrn T. finden sich auch in seinen Erzählungen. Einige tausend schrieb er im Wohnheim für alte Heimatlose, im Zimmer Nr. 44. Die vollgeschriebenen Notizblocks liegen gestapelt im Kleiderschrank. Ungelesen vergilben die Manuskripte, "Man versteht nicht meine Sprache", erklärt der russisch schreibende Herr T., und, daß ihm das Schreiben eine Qual sei. Warum er trotzdem schreibe, fragte ich ihn vor einigen Jahren während eines Besuchs. "Der Zustand des Nichtschaffens ist noch unerträglicher." Heute lebt er mit dem Unerträglicheren. Er schreibe nicht mehr, erfahre ich am Telephon. Aleksej Nikolaewitsch Tschistjakow gebe sich mehr und mehr auf. Wartet auf den Tod. Ein Arzt habe kürzlich festgestellt, daß dieses Warten noch lange dauern könne. Denn: "Tschistjakows Herz ist noch gut".

Donnerstag, 24. August 1978: Eckardtsheim bei Bielefeld-Sennestadt, älteste und mit über 1500 Patienten größte der drei Betheler Teilanstalten, der Ort, an dem Herr T. auf den Tod wartet, steht im Zeichen des ersten Staatsbesuchs seit 81 Jahren. Musik und Hektik, Patienten im Sonntagsstaat, blauer Himmel, Sonne, Sicherheitsbeamte. Ein Hubschrauber überfliegt das Anstaltsgelände. Im Empfangssaal haben lokale Politikerprominenz, Journalisten, einige Anstaltsmitarbeiter und -Patienten Platz genommen. Von draußen ist Beifall zu hören. Walter Scheel trifft ein. Bekannte Begrüßungsrituale, Worte. Einer spricht von der "fröhlichen Zuversicht" der Anstaltsarbeit.

In Eckardtsheim wie in Bethel ist einer der Arbeitsschwerpunkte Nichtseßhaftenhilfe. Mit der 1882 für arbeitslos umherziehende Männer eingerichteten Kolonie "Wilhelmsdorf" in Eckardtsheim initiierte Pastor Fritz von Bodelschwingh die bis heute unpopuläre Nichtseßhaftenfürsorge. "Wir wissen", berichtet der Leiter des Anstaltsfachbereichs Nichtseßhaftenhilfe, Pastor Jürgen Gößling, "daß wir mit unserer Arbeit kaum eine Lobby haben." Und: "Nicht von ungefähr steht diese Arbeit in ihrer finanziellen Ausstattung an allerletzter Stelle der gesamten Sozialarbeit unseres Landes." So gibt es für etwa 70 000 nichtseßhaft lebende Menschen nur etwa 14 000 Heimplätze – davon mehr als tausend in Aufnahme- und Übergangshäusern, Wohn- und Altenheimen der von Bodelschwinghschen Anstalten. Auf einen Mitarbeiter im Betreuungsdienst kommen in Bethel 14, im Bundesdurchschnitt 30 Nichtseßhafte – Menschen, die qualifizierte Therapie und nicht nur notdürftigste Versorgung brauchen. Denn zwei Drittel aller Nichtseßhaften sind laut Statistik sozialtherapeutisch, medizinisch oder psychiatrisch behandlungsbedürftig. Die wenigsten sind freiwillig "auf der Walz": die meisten sind aus der Leistungsgesellschaft eher hinausgedrängt worden als bewußt ausgestiegen. Für ihre Situation bestimmend: nicht "Landstraßen"-Romantik, sondern Resignation.