In dieser Woche hat sich der Tag gejährt, an dem Hanns-Martin Schleyer entführt wurde. Für seine vier Begleiter war der 5. September 1977 der Todestag, für ihn selbst der Beginn des Sterbens. Nach den Morden an Generalbundesanwalt Buback im April und Bankier Ponto im Juli 1977 erreichte der Terror auf deutschem Boden mit dem blutigen Kidnapping in Köln einen schrecklichen Höhepunkt. Ein Jahr danach wagt dennoch niemand zu sagen, dies sei der Anfang vom Ende des Schreckens gewesen. Die Zeit relativer Ruhe nach Mogadischu gibt uns keinen Grund zur Beruhigung.

Der Fall Schleyer hat Tatsachen geschaffen, die weit über ihn hinauswirken. Mit ihm ist der irreversible Entschluß der Bundesregierung verbunden, sich terroristischer Erpressung auch um den Preis eines Menschenlebens zu widersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat ihn bestätigt: Die Pflicht des Staates, die Gesamtheit seiner Bürger vor weiteren möglichen Anschlägen freigepreßter Terroristen zu schützen, wiege schwerer als die Pflicht, das Leben eines einzelnen Menschen zu retten. Was nach der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Lorenz noch möglich war – Nachgeben aus Barmherzigkeit –, ist es nun nicht mehr.

Als eine spezielle Lex Schleyer entstand schließlich das sogenannte "Kontaktsperregesetz" – eine der schwerwiegendsten Ermächtigungen zum Eingriff in Grundrechte, die unsere kurze Verfassungsgeschichte kennt. Das Gesetz sollte den Arbeitgeber-Präsidenten retten helfen, indem es inhaftierte Terroristen von "jedweder Verbindung mit der Außenwelt" abschnitt. Es half nicht. Fast ein Jahr nach dem Tode Schleyers fand es ebenfalls höchstrichterliche Billigung, diesmal freilich mit eher entgegengesetzter Begründung: Das Leben des einzelnen Menschen stelle einen "Höchstwert" dar, dem andere Werte zu weichen hätten.

Der Widerspruch ist nicht zu übersehen. Es scheint, als sei es den Terroristen mit ihren mörderischen Anschlägen gelungen, Staat und Gesellschaft selbst in Zweifel an ihren höchsten Werten zu stürzen. H. Sch.