Von Raimund Hoghe

Im Jahre 1928 entwirft der Architekt Mies van der Rohe ein Wohnhaus für den Krefelder Kunstsammler Hermann Lange. Zur gleichen Zeit entstehen Oskar Schlemmers erste Wandbildentwürfe für das Essener Folkwang-Museum. Zwei Jahre später, der Mies van der Rohe-Bau ist fertiggestellt, wird in Breslau die dritte Fassung des Folkwang-Zyklus gezeigt. Bei der Ausstellungseröffnung wirft Oskar Schlemmer die Frage auf, was man als Künstler der Gegenwart anderes tun könnte, "als schlicht zu sein, einfach in der Darstellungsweise, offen allem, was sich an Bewußtsein und Unbewußtem in uns sammelt, um es allmählich Gestalt werden zu lassen"?

Die von Schlemmer immer wieder angestrebte und überzeugend dargestellte Offenheit, Einfachheit, Schlichtheit ist auch in der Architektur des Mies van der Rohe zu finden – zum Beispiel im Haus Lange. Dort wird jetzt auch eine sehr schöne Verbindung zwischen den beiden Bauhaus-Künsten, zwischen Malerei und Architektur der zwanziger Jahre hergestellt: In dem vor fünfzig Jahren von Mies van der Rohe entworfenen und seit 1955 als Ausstellungsgebäude genutzten Haus ist bis zum 22. Oktober eine bemerkenswerte Auswahl von Aquarellen und Handzeichnungen Oskar Schlemmers zu sehen.

Mit rund einhundert Arbeiten aus den Jahren 1919 bis 1936 (darunter frühe "Draht-Plastik-Zeichnungen" und eine Reihe eindrucksvoller Wandbildentwürfe) inszeniert das Krefelder Museum Haus Langs keine Monumentalbau.

Bestimmend für die Auswahl ist nicht zuletzt die von Mies van der Rohe geschaffene räumliche Situation, die – weder auf einschüchternde Repräsentation noch auf spektakuläre Effekte ausgerichtet – in überschaubaren Räumen auch kleinformatige, zurückhaltende Arbeiten zur Geltung kommen läßt. Architektur erschlägt hier nicht – auch nicht die kleinen Studien und Skizzen, die den großen Bildern vorangehen und sehr persönliche Einblicke in das Werk geben, den Blick auf den Ausgangspunkt lenken. Oskar Schlemmer, der am Montag dieser Woche neunzig Jahre alt geworden wäre: "Am Anfang stehe das Gefühl, der Strom des Unbewußten, die freie, ungebundene Schöpfung." Eines der Ziele der verschiedenen Arbeitsstufen: "Gefühl und Gesetz in Einheit" zu bringen.

Suche nach Einheit, Aufhebung der Trennung auch in der Architektur des Haus Lange. Mies van der Rohes Räume sind keine isolierten, isolierenden Räume. Miteinander verbunden, verzahnt, verschachtelt, gehen sie oft ineinander über, weiten, öffnen sich – auch den Außenräumen. Allerdings nur bestimmten: zur Straßenseite wirkt das flache Gebäude verschlossen, erst zum Garten hin entsteht Offenheit, wird die äußere Umgebung nachdrücklich in den inneren Raum einbezogen, sind Innen- und Außenwelt keine widersprüchlichen, einander ausschließenden Welten. Andere, weit weniger harmonische, bekanntere Lebensräume werden von Oskar Schlemmer in zwei Zeichnungen attackiert. So skizziert er, der wie Mies van der Rohe von den Nazis zu den "Entarteten" gezählt wird, 1932 eine "Wohnmaschine und andere Motive" und läßt kleine zellenartige Räume erkennen, in denen es Menschen schwerfällt, aufrecht zu stehen, in denen sie angepaßt, unterworfen einer menschenfeindlichen Umgebung wie Gefangene wirken. Auf einer zweiten Skizze, "Utopischer Entwurf (zur Wohnmaschine)", ist ein Zitat zu lesen: "Goethe: Architektur ist nicht Häuser bauen, sondern Gesinnung."

Oskar Schlemmers Bilder: auch Gegenentwürfe zu verletzenden Wohn- und Lebensmaschinen, Modelle einer Welt, "in der nicht der Mensch den Menschen zu beherrschen sucht, sondern sich selbst und seinen Lebensraum", notiert Gerhard Storck im Ausstellungskatalog (Preis 12 Mark) und stellt fest: "In Oskar Schlemmers Bildern aus den zwanziger Jahren stehen oder bewegen sich die Figuren meist vollkommen ruhig und gelassen in überschaubaren Räumen, die sie mit ihrem eigenen Körper aufbauen. Sie messen für sich eine transparente Architektur aus, die Mies van der Rohe mit anderen Mitteln für den selbstbewußten, sich selbst beherrschenden Menschen des technischen Zeitalters zu bauen versucht hat."