Von Klaus Peter Schmid

Man kann es so sehen: Die heimelige Welt der 200 000 Bistros und die französische Eßkultur sind in Gefahr. Auch der "petit rouge" am Morgen, der Pastis zum Aperitif, der Calvados nach dem opulenten Mahl, sie könntem Frankreichs Polizei jetzt das Recht hat, Autofahrer zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Alkoholtest aufzufordern. Schließlich hängen die Franzosen an ihrem Auto, und der Verlust des Führerscheins wiegt im Zweifelsfall schwerer als der Hang zum Glas.

Doch diese Version scheint überzeugender: Frankreich nimmt endlich Abschied von einer unheilvollen Gewohnheit, nachdem die Regierung einen wichtigen Schritt im Kampf gegen den Tod auf den Straßen gewagt hat. Die Lobby der Weinbauern, Wirte, Schnapsbrenner und Likörfabrikanten mußte vor einer Schreckenszahl kapitulieren: Von den 13 000 Verkehrstoten des letzten Jahres gingen 40 Prozent auf das Konto übermäßigen Alkoholkonsums.

Es dürfte kaum übertrieben sein, hier von einer Dunkelziffer zu sprechen, die man allzugern übersieht. Simone Veil, die mutige Gesundheitsministerin, erklärte sogar, 85 Prozent aller registrierten Verkehrsunfälle seien dem Alkohol zuzuschreiben. Selbst wenn diese Zahl zu hoch gegriffen ist, verbirgt sich dahinter ein Phänomen, das Le Monde als "nationale Krankheit" charakterisierte: Die Ausbreitung des Alkoholismus. Die Statistiken sind eindeutig: Alkohol ist in Frankreich (nach Krebs und Herzkrankheiten) die dritthäufigste Todesursache. Rund 30 000 Todesfälle im Jahr als direkte Folge von Alkohol, das ist verhältnismäßig mehr als in allen anderen Ländern der Welt.

Das mag überraschen. Denn auf Frankreichs Straßen und Plätzen fallen einem fast nie Betrunkene auf. Laute Zechgelage und lallende Bierleichen sind für deutsche Breiten typischer als für französische. Doch die Franzosen nehmen Alkohol immer diskreter zu sich, in scheinbar mäßigen, aber sehr regelmäßigen Mengen. "Der französische Trinker ist nicht mehr der Alkoholiker Zolas", schrieb das Magazin L’Express.

Der Alkohol ist zu einer Droge geworden, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit "genossen wird, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Gewohnheit. Vor drei Jahren wurde die Zahl der Alkoholiker in Frankreich auf vier Millionen geschätzt. Neuere Statistiken sprechen gar von mindestens sechs Millionen, also 18 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Das kostete die Krankenversicherung 1976 rund acht Milliarden Francs. Ein ehemaliger Gesundheitsminister erklärte gar: "Ohne Alkohol gäbe es kein Defizit in der Sozialversicherung."

Die 3,5 Milliarden Francs, die der Fiskus am Alkoholverbrauch verdient, wiegen diese Summe nicht auf. Nur, selbst der Staat wagt es selten, das Kind beim Namen zu nennen.