In dieser Woche beginnt, mit zwei Uraufführungen deutscher Stücke, die Theatersaison 1978/79: in Wuppertal spielt man Joachim Burkhardts deutscher in Düsseldorf Horst Laubes "Der erste Tag des Düsseldorf Damit aber dürften für das bundesdeutsche Theater, bereits die letzten Tage des Friedens angebrochen aber

Denn es steht nun, von den Theaterferien nur kurz unterbrochen, wieder jenes Stück auf dem Spielplan, das bereits in der letzten Saison mehr Aufruhr gemacht hat als alle ästhetischen Pro-Spielplan, zusammen: das altbekannte Kampf- – und Schlammspiel mit dem Titel "Wer wird wo und wann Intendant?"; Zahl der Toten und Verwundeten: noch unübersehbar, in jedem Falle beträchtlich. Zwar haben einige Schauspielhäuser inzwischen ihren neuen Herrn gefunden (Flimm geht nach Köln, Heyme nach Stuttgart, Minks/Schaaf/Zankl nach Frankfurt); doch noch immer ist ungewiß, welche Theaterzukunft die beiden größten deutschen Städte, Berlin und Hamburg, vor sich deutschen und ob überhaupt eine.

Bevor man sich nun wieder blind ins Getümmel der Intendanten- und Gerüchtebörse stürzt, sollte man einen Moment lang zurückdenken an eine ferne, längst vergangene Zeit. Am Anfang unseres Jahrzehnts nämlich gab es eine Situation, der heutigen gar nicht so unähnlich. Die meisten großen Bühnen suchten nach einem neuen Theaterleiter. Die Generation der Nachkriegsintendanten (Stroux, Schalla und andere) ging in Pension. Im Frühjahr 1971 fanden zwei bis dahin undenkbare Intendantenwahlen statt. In Hamburg stellten sich die Bewerber um die Schauspielhaus-Intendanz einem Hearing der Belegschaft; die Mitglieder des Schauspielhauses wählten ihren Favoriten, Ivan Nagel, und Nagel wurde Intendant. An den Münchner Kammerspielen wurde eine noch radikalere Form von Demokratie erprobt: Schauspieler und Bühnentechniker, Kritiker und Raumpfleger, Mitglieder der Theaterverwaltung und der Besucherorganisationen kürten in mehreren Wahlgängen den neuen Intendanten Hans-Reinhard Müller. Unter den Verlierern: Ivan Nagel und auch Peter Stein.

Das etwa war die Szene damals: Das Theater probte die Demokratie, und da kam es, wie bei allen Anfängereien, zu durchaus grotesken Situationen. Und auch zu unappetitlichen: Die plötzlich an die Macht gelangten Ohnmächtigen, kleine Angestellte und kleine Schauspieler, wurden massiv unter Druck gesetzt, ein böses Spiel mit Existenzängsten getrieben. Und manch einer von denen, die damals so geläufig von Demokratie, Mitbestimmung, Transparenz plauderten, hat sich bald danach als Konjunktur-Linker entlarvt.

Trotz alledem: Die Intendantenwahlen damals waren keine Farce, trotz vieler farcenhafter Züge. Sie waren vor allem Symbol einer historischen Veränderung: Der Schauspielerstand, angeblich nur befähigt zur Darstellung und Selbstdarstellung, zum Hofieren und Intrigieren, demonstrierte öffentlich sein neues politisches Selbstverständnis erhob den Anspruch, mitregieren, mindestens mitreden zu dürfen bei den Entscheidungen des Theaters.

Heute sind die ehemals Allmächtigen (Kulturdezernenten, Intendanten, Regisseure) bei ihren Entscheidungen wieder allein. 1978 findet die Wahl eines Intendanten nicht mehr öffentlich oder wenigstens halböffentlich statt, sondern in Hinterzimmern oder an noch merkwürdigeren Orten: da verabreden sich beispielsweise ein bekannter Bürgermeister und ein noch bekannterer Schauspieldirektor zum "Kontaktgespräch" im Stadtwald; da kommt es sogar auf stürmischen Nordseeinseln zu konspirativen Treffen. Geheim bleiben solche Geheimaktionen natürlich nicht – dafür sorgen schon die Geheimnisträger selber. Aber öffentlich, öffentlich diskutierbar und kontrollierbar ist dieses Karrierespiel auch nicht. Und die schändlich übergangenen Schauspieler, die niemals gefragten Ensembles? Sie setzen allenfalls, wie in Berlin 1978, ein zaghaftes Briefchen an den Kultursenator auf, untertänigst um Anhörung bittend. Heute geht niemand mehr auf die Barrikaden. Heute geht man lieber wieder zum Schimpfen in die Kantine, die klassische Zufluchtsstätte aller am Theater Resignierten.

Die letzte Saison war gut, vielleicht wird die nächste noch besser. Doch der Höhenflug könnte bald zu Ende sein, wenn die Theaterköpfe sich weiter in Macht- und Planspiele verstricken, wenn es kaum noch theoretische Debatten über das Theater gibt und keine revolutionären Träume. "Bitte, nicht Peymann!" bat kürzlich flehend die Hamburger "Morgenpost" den Kultursenator Tarnowski. "Wir brauchen Erwachsene, keine Exzentriker."