Findet ein Autor das besondere Interesse der Kritiker, der Medien, des Publikums, so stürzen sich alle wie Vogelschwärme auf ein noch eben grünendes, belaubtes Bäumchen, und wenn der Schwarm nach einiger Zeit wieder auffliegt, ist der Baum kahl. Abgefressen. Nichts bleibt.

Thomas Bernhard in "Theater 1978", dem Jahressonderheft der Zeitschrift "Theater heute"

Radikalenerlaß grotesk

Unerbittlich handhabt das nordrhein-westfälische Innenministerium – FDP-geführt – den Radikalenerlaß. Auch wer nur für kurze Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter von einer Universität eingestellt werden soll, wird überprüft. So geschehen in der Hochschule Dortmund. Für ein Forschungsprojekt hatte das Institut für Raumplanung drei fachlich qualifizierte junge Mitarbeiter ausgesucht, die für fünf Monate halbtags beschäftigt werden sollten. Zwei überstanden die Oberprüfung heil, aber bei Christine V. hatten die Verfassungsschützer Bedenken. Sie hatte vor sechs Jahren eine kommunistische Zeitung verteilt, vor fünf Jahren für eine kommunistische Gruppe bei Fachschaftswahlen der Uni Dortmund kandidiert und vor vier Jahren für eine "rote" Liste bei den Wahlen zum Studentenparlament. Der negative Bescheid vom Innenministerium traf bei der Uni allerdings erst ein, nachdem Christine V. bereits einen Monat als wissenschaftliche Hilfskraft an dem Projekt mitgearbeitet hatte. Als Hilfskraft durfte sie arbeiten, weil Hilfskräfte nicht überprüft werden, aber als wissenschaftliche Angestellte fiel sie unter den Radikalenerlaß. Die Auseinandersetzung zwischen Ministerium und Hochschule dauerte so lange, bis die fünf Monate, die für das Forschungsprojekt benötigt wurden, abgelaufen waren. Christine V. war als wissenschaftliche Hilfskraft bezahlt worden, hatte aber die Arbeit einer wissenschaftlichen Angestellten geleistet. Alle Versuche der Institutsleitung, das Gehalt von Christine V. nachträglich noch aufzubessern, schlugen fehl. Für Professor Klaus Kunzmann zeigt dieser "lächerliche Fall, wie tief sich der Erlaß in der Bürokratie eingenistet hat, wie der zugelaufene Hund, den man nicht mehr los wird".

Neuer Literaturpreis – vom Fernsehen

Ein Fernsehsender spielt Mäzen: Der Südwestfunk (SWF) stiftet einen Literaturpreis (10 000 Mark), der alljährlich von der Kritiker-Jury verliehen werden soll, die für das von Jürgen Lodemann geleitete "Literaturmagazin" im Dritten Programm monatlich die "Bücher-Bestenliste" wählt. Beim ersten "Baden-Badener Kritiker-Treffen" erhielt der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth den "Literaturmagazin-Preis" für seinen Roman "Winterreise". In der Begründung der 27 Juroren heißt es, der Grazer Autor vom Jahrgang 1942 werde ausgezeichnet, weil es ihm gelungen sei, "mit großem literarischem Ernst am Beispiel einer persönlichen Krise die Erfahrung der Fremdheit unter den Menschen darzustellen". Der Preis wird in der Sendung vom 28. September verliehen. Daß mehrere Wahlgänge nötig waren, ehe der Preisträger feststand, wundert nicht bei so vielen Kritikern, von denen jeder eine andere Vorstellung von Literatur hat. Dies war zu beobachten bei der Spontan-Kritik unbekannter Texte unter den Augen interessierter Zuschauer, Verlagsleute und vor den Kameras des Fernsehens und bei den internen Debatten über eine verbesserte Auswahlmethode der "Bestenliste", deren Charakter einer Anti-Bestseller-Liste verstärkt werden soll.

Intendantenpoesie: