ARD, 13. September, 20.15 Uhr: "Schwarz und weiß wie Tage und Nächte", von Wolfgang Petersen.

Das Fernsehen hat ein neues Genre erfunden: den aktuellen Spielfilm, das Melodram zur Tagesschau. Wenn es organisatorische, finanzielle oder journalistische Schwierigkeiten macht, über akute Ereignisse in Form von Reportage oder Dokumentation zu berichten, zum Beispiel über Schachcomputerduelle Mensch gegen Maschine oder die Schachweltmeisterschaft in Baguio auf den Philippinen, was liegt dann näher, als solche Kämpfe mit aktuellen Anspielungen in einem spannenden Psychothriller über Schach und Mensch darzustellen.

Wolfgang Petersens düsterer Wahnsinnsfilm mit dem schönen, paradox verwirrenden Titel "Schwarz und weiß wie Tage und Nächte" erzählt die Geschichte eines Schachbesessenen, der das königliche Spiel zu seinem Lebensinhalt pervertiert – bis zum Mordversuch: den Gegner zu. töten statt dessen König.

Thomas Rosenmund hat nämlich außer seiner Schachbesessenheit eine zweite tragische Eigenschaft: Er kann nicht verlieren. Schon als Kind verfällt er am Brett in Fieberräusche und bespuckt und beißt nach einer Niederlage seinen Bezwinger.

Weise gibt er das gefährliche Spiel auf, bis er zwanzig Jahre später, verheiratet und Computerfachmann bei einer großen Firma, vom PR-Chef gebeten wird, als Werbe-Gag ein Schachprogramm zu entwickeln.

In einer Sportstudio-Persiflage tritt der Computer, hochaktuell, im Fernsehen gegen den amtierenden Weltmeister Igor Koruga an und verliert in lächerlichen 19 Zügen. Thomas Rosenmund kann die Schmach wieder einmal nicht verkraften, sinnt auf Rache, wird Berufsschachspieler und darf schließlich in Opatja/Jugoslawien den verhaßten Koruga zum Titelkampf herausfordern. Und jetzt erlebt der Zuschauer einen richtigen Weltmeisterschaftskampf nach denselben Regeln-wie in Baguio ("Wer zuerst sechs Siege hat, gewinnt") und mit ähnlich grotesken Begleiterscheinungen.

Rosenmund, der zunächst durch seine gigantischen Forderungen und sein absolutes Vernichtungsschach wie ein potenzierter Bobby Fischer erschien, entwickelt zusehends auch Züge des WM-Kandidaten Kortschnoi, dessen Buch "Ein Leben für das Schach", die Filmmacher als eine Basis für ihre Story betrachten. Auch in Opatja ist von Hypnose die Rede, gegen die sich Rosenmund wie Kortschnoi mit einer Sonnenbrille schützen will. Nach selbstzerstörerischen Anfällen und Beleidigungen gegen jeden und alles und Psychoterror am Brett – Rosenmund starre durch eine mit Gift gefüllte Glaskugel auf die Figuren – gewinnt er schließlich den Titel und die schicksalhafte Angst, ihn wieder zu verlieren: die Angst vor dem Rückkampf, tatsächlich ein aus der Schachgeschichte bekanntes Phänomen. Zwischen Hotellobbys und den toten Räumen der einsamen, meist verschneiten, gespensterhaften Villa des Ehepaares Rosenmund treibt der Schauspieler Bruno Ganz die Hauptfigur in Verfolgungswahn (er behauptet, Koruga wolle ihn umbringen, sein Trainer und seine Frau betrögen ihn mit Koruga) und Irrenhaus.