Von Horst Bieber

Montag, 10. September 1973: In aller Frühe meldet sich bei dem chilenischen Präsidenten Salvador Allende Gossens ein junger Mann aus seiner bewaffneten Leibgarde, der atemlos vorträgt, was einer seiner Freunde, ein Heeres-Hauptmann, ihm eben mitgeteilt hat: Die Oberkommandierenden von Heer, Marine, Luftwaffe und Polizei bereiten ein Ultimatum an den Präsidenten vor. Entweder trete er binnen 24 Stunden zurück, oder die Streitkräfte würden ihn gewaltsam absetzen. Allende ist nicht erstaunt; derartige Gerüchte schwirren seit Tagen durch Santiago und Valparaiso. Seit das Abgeordnetenhaus am 22. August mit 81 gegen 47 Stimmen seine Regierung für illegal erklärte und an die vier Oberkommandierenden appellierte, sich für die "Rückkehr zur Verfassung einzusetzen", weiß er, daß die Streitkräfte eine carte blanche für ihr Eingreifen besitzen. Er weiß auch, daß seine Anhänger keine Chance in einem Bürgerkrieg haben. Das Militär ist vorgewarnt und vorbereitet, spätestens seit Mitte Juli, als es in Blitzaktionen zum Widerstand bereite Arbeiter entwaffnete.

Neu ist für Allende allein die Nachricht, daß jenes lang erwartete Ultimatum "unmittelbar" bevorsteht. Was er nicht kennt, ist die Entschlossenheit der Militärs, dem "linken Spuk" ein für allemal ein Ende zu bereiten; darin täuschen sich übrigens auch die Christdemokraten und Konservativen, die seit Wochen die Generäle in der Hoffnung hofieren, das Erbe Allendes anzutreten.

Über die letzten Stunden des legal gewählten marxistischen Präsidenten gibt es nur widersprüchliche Aussagen. Doch in einem Punkt stimmen sie überein: Am Dienstag, dem 11. September 1973, als das Ultimatum verkündet wurde, ging es nicht mehr um die Rettung des sozialistischen Experiments, sondern nur noch um die Frage, wie es zu Ende gehen sollte. Allende war bereit, als Märtyrer zu sterben, mit Stahlhelm und Maschinenpistole die Moneda verteidigend. Während die Luftwaffe den Regierungssitz bombardierte, schickte er seine Begleitung fort. Ob er sich anschließend selbst tötete oder eindringende Soldaten den schwerverletzten Präsidenten ermordeten, wissen bis heute nur einige wenige. Für die Bewertung der Jahre 1970 bis 1973 sind die Todesumstände unerheblich – nach dem Kalkül der Putschisten mußte Allende sterben; sie wollten tabula rasa; mit politisch-psychologischen Überlegungen für die Zukunft hielten sie sich gar nicht erst auf.

In den vergangenen fünf Jahren hat die Diskussion über Chile neue Akzente und Schwerpunkte erhalten. Über das gescheiterte Experiment sprechen nur noch wenige, viele dagegen von den Menschenrechtsverletzungen der Junta und ihren internen Differenzen. Unversöhnlich geteilt sind die Meinungen, wie erfolgreich die Mannschaft des Generals Pinochet das schlimmste Übel des Allende-Erbes gemeistert hat, die Wirtschafts- und Finanzmisere. Die nationalen Statistiken beweisen in der Tat eine erstaunliche Konsolidierung der chilenischen Wirtschaft und der Finanzen. Eine individuelle Betrachtungsweise kann jedoch an der Tatsache nicht vorbei, daß die Stabilisierung mit seltener Kaltschnäuzigkeit auf Kosten der Ärmsten erfolgte, ja selbst jenen Mittelstand zerschlug, der 1972, ein Jahr vor dem Putsch, den Hauptwiderstand gegen Allende organisierte, nachdem, die Oligarchie ihre Schäfchen längst ins trockene, ins Ausland gebracht hatte.

Nach fünf Jahren Abstand lassen sich die vielerlei Gründe beschreiben, die fast notgedrungen zum Scheitern Allendes führen mußten, lassen sich auch jene zwei Mißverständnisse korrigieren, die von Anfang an die Diskussion über Chile fehlgeleitet haben.

Erstens war Chile keine westeuropäische Demokratie. Zwar funktionierte der parlamentarische Machtwechsel leidlich; aber von einem allgemeinen Wahlrecht für alle war das Land 1970 noch weit entfernt. Ober- und Mittelschicht waren in den Wählerlisten weit überrepräsentiert, die Unterschicht (je nach Bewertung 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung) nur marginal vertreten. Allendes Amtsantritt drohte das ganze politische Machtgefüge umzustürzen, das bislang die Vorherrschaft der Mittel- und Oberklasse gesichert hatte – eine Erklärung für den erbitter ten Widerstand der Bedrohten.