Im Märchen von "Alice im Wunderland" läßt Lewis Carrol einen Wachposten auftreten. Der betrachtet Alice durch ein Teleskop, ein Mikroskop, dann ein Opernglas und erklärt ihr schließlich: "Du wanderst in der falschen Richtung ..."

Ähnlichen Betrachtungen sieht sich die deutsche Heilkunde ausgesetzt. Mangelndes Präventivdenken für die Zukunft, eine ertragsselige Apparatomanie heute, dazu am Symptom orientierte Minutenpraxen – die Einschätzung der Kritiker summiert sich übereinstimmend zur Ansieht: Die Richtung stimmt nicht mehr.

Jetzt haben sechs bundesdeutsche Rundfunkanstalten ein Funkkolleg vorbereitet, das die Konsumenten unseres Gesundheitswesens mit der Entstehung von Krankheiten und deren Auswirkungen auf die Medizinmaschinerie und das Netz der sozialen Sicherung vertraut machen soll.

Unter dem Thema "Umwelt und Gesundheit" beginnt am 9. Oktober eine in 28 Lehreinheiten aufgefächerte Sendereihe. Nach dem Konzept der Veranstalter soll sie dem Hörer eine konzentrierte Einführung in den unauflösbaren Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Kranksein vermitteln. Wöchentlich eine Kollegstunde, in derselben Woche wiederholt, zielt darauf ab, "Berechtigung und Irrtum in der Kritik an unserer gegenwärtigen Medizin" deutlich zu machen.

In einem weiteren Schwerpunkt setzt sich das nunmehr 12. Funkkolleg mit der Gesundheitsgestaltung des potentiellen Patienten auseinander. Unter wissenschaftlicher Leitung der beiden Heidelberger Professoren für Sozialmedizin, Maria Blohmke und Hans Schäfer, sollen die Mechanismen der heutigen Katastrophen für Gesundheit und Sozialbudgets dokumentiert werden: Übergewicht, Arterienverkalkung, Blutzucker, bösartige Tumoren, Raucherleiden und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Der Themenkomplex ist nicht ohne Brisanz. Er handelt auch von einem dreimal 20-Milliarden-Mark-Mißverständnis. Eben diesen gigantischen Betrag nämlich – den Gegenwert von 200 000 komfortablen Reihenhäusern – wenden die Versicherungsträger hierzulande unterdes für die Folgekosten des Nikotin-, des Alkohol- und Nahrungsmittelmißbrauchs auf.

Allein an den Folgen des Gesellschaftsspiels Essen etwa sterben alljährlich 70 000 Bundesbürger – vorzeitig, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anmerkt. Untersuchungen des Stuttgarter Physiologieprofessors Jürgen Holtmeier zufolge "stirbt heute jeder zweite an ernährungsabhängigen Herz-Kreislauf-Gefäßleiden". Bezogen auf die vom Statistischen Bundesamt registrierten Sterbefälle waren es 1976 Tag für Tag mehr als 480 Menschen, deren arger Appetit mit an der Bahre stand.