/ Von Horst Bieber

Hannover, im September

Beim Pokern wäre der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) ein gefährlicher Gegner: stets freundlich lächelnd, aber eiskalt und hart, stets ein As in der Hinterhand und immer bereit, jeden Fehler des Gegenübers auszunutzen, sich selbst aber nie einschüchtern zu lassen.

Eine Kostprobe seines Könnens bot er in der vorigen Woche, als er und drei Hannoveraner Minister mit den Bundesministern Baum, Graf Lambsdorff und Hauff über Gorleben verhandelten (das in diesem Zusammenhang nicht unwichtige Finanzministerium war nur durch den Parlamentarischen Staatssekretär vertreten). Die Gespräche über das geplante "Nukleare Entsorgungszentrum" nahe der Elbe endeten mit einem Punktsieg für die Niedersachsen: erste Flachbohrungen (zur Prüfung des Baugrundes) im Frühjahr 1979, aber noch keine Entscheidung über das Gesamtprojekt.

Bonn hätte gern ein vorbehaltloses "Ja" oder mindestens die Bereitschaft gehört, Tiefbohrungen zu gestatten, um den Salzstock zu untersuchen, in dem später einmal der radioaktive Müll gelagert werden soll. Denn die Bundesregierung fühlt sich unter Zeitdruck. In ihren energiepolitischen Richtlinien ist die Betriebsgenehmigung neuer Anlagen daran gekoppelt, daß Fortschritte in der Entsorgung verzeichnet werden. Im Fall Brokdorf hat ein Verwaltungsgericht die ausreichende Entsorgung zur Voraussetzung der Baugenehmigung gemacht. Bonns Devise lautet also: "Gorleben so rasch wie möglich", und einmal soll sogar der Satz gefallen sein: "Niedersachsen ist schuld, wenn in der Bundesrepublik eines Tages die Lichter ausgehen" – Niedersachsen, weil kein anderes Bundesland über vergleichbar gute Salzstöcke verfügt, die nach internationaler Expertenmeinung der beste Endlagerplatz für Atommüll sind.

Dieser sanften Erpressung zeigte sich die niedersächsische Regierung vollauf gewachsen. Sie mußte ihr widerstehen, weil das Gorlebener Entsorgungszentrum innenpolitischen Ärger verspricht, den unziemliche Hast bei der Genehmigung nur vergrößern kann. Einen kleinen Vorgeschmack erlebte sie schön, als die "Deutsche. Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen mbH" (DWK), eine von zwölf Elektrizitätsunternehmen getragene Firma, die nötigen Grundstücke erwarb – das heißt: erwerben wollte. Sie konnte nur rund 540 Hektar, etwa 45 Prozent der vorgesehenen Standortfläche, kaufen; die anderen Eigentümer verweigerten sich unter dem Beifall der Kernkraftgegner. Und im Moment sieht es so aus, als bliebe es bei diesem verminderten Areal.