Otzenhausen, im September

Unter der grünen Europa-Fahne der Europäischen Akademie in Otzenhausen/Saar trafen sich am vergangenen Wochenende deutsche und politische Journalisten zu einem Gedankenaustausch: um darüber zu diskutieren, welchen Beitrag die Massenmedien der beiden Länder für das Verständnis zwischen ihren Ländern leisten können. Die polnischen Journalisten, bedeutend allesamt und mit Ryszard Wojna, Marian Podkowinski und Henryk Kollat geradezu als Spitzenequipe der politischen Publizistik ihres Landes ausgewiesen, dominierten dabei mit Eifer und Temperament. Eingeübt in Praxis und Selbstverständnis einer wenn nicht reglementierten, so doch folgsamen Presse, mochten sie nicht verstehen, daß in der Bundesrepublik die Regierungspolitik eine Sache ist und ihre Unterstützung durch Journalisten eine andere.

Gleichwohl blieb diesem Treffen der gemeinsame Nenner nicht versagt. Alle waren sich einig, daß die Aufarbeitung der leidvöllen Beziehungen zwischen den beiden Völkern in den zurückliegenden 200 Jahren und die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen nicht von Verträgen und Politikern allein getragen werden kann. Verwicklungen gab es indes bei dem von den Polen gewünschten Versuch, einen verbindlichen Wertmaßstab zu finden, der für künftige Veröffentlichungen zum deutsch-polnischen Verhältnis gelten soll. Tadeusz Zaremba, ZK-Mitarbeiter für Pressefragen und politischer Linienrichter der polnischen Gruppe, bot einen bündigen Katalog für alles an, was der Presse als "verdammenswert" und entspannungsfeindlich zu gelten habe: der nostalgische Übereifer der Landsmannschaften, der amtliche Gebrauch deutscher Namen für jetzt polnische Städte, die Anwendung eines Staatsangehörigkeitsrechtes aus dem Jahr 1933 auf umsiedlungswillige polnische Bürger, die Verteilung von Vertriebenenausweisen an unbestreitbar freiwillig Ausreisende und die Einwände gegen die 1970 von der 16. Unesco-Generalkonferenz in Paris eingeleiteten deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen für den Geschichts- und Erdkundeunterricht. Die deutschen Gesprächsteilnehmer warteten dagegen mit dem Hinweis auf das von der polnischen Presse gezeichnete Bild unseres Landes auf. "Berufsverbote, Arbeitslosigkeit, Militarismus, Revisionismus und neonazistische Umtriebe gehören zu den ständigen Themen", stellte der frühere Leiter der Bonner Handelsvertretung in Warschau, Alfred Blumenfeld, nach Durchsicht der letzten zwei Jahrgänge der Parteizeitung Trybuna Ludu und der auflagenstärksten, regierungsnahen Tageszeitung Zycie Warszawa fest.

Dennoch hielt sich das gegenseitige Aufrechnen von Fehlern und Vorurteilen in renzen. Der Wunsch, sich wirklich kennenzulernen und die Traumata der Gegenseite zu verstehen, entschärfte die Gegensätze. Wo das Verständnis für die Aufgabe, zu einer Normalisierung des Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen beizutragen, fehlte, sorgte die Einordnung der deutsch-polnischen Vereinbarungen in ihren nationalen und internationalen Bezugsrahmen durch den Saarbrücker Osthistoriker Professor Hoensch und Ryszard Wojna, dem Deutschlandexperten im Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), für Nachhilfe.

Die nationalsozialistische Polenpolitik, so der Münchner Historiker Martin Broszat, hat "den historischen Rechtsgrund deutscher Stellung im Osten verwirtschaftet". Sechs Millionen Menschen, das waren 22 Prozent der polnischen Bevölkerung, kamen während der deutschen Besetzung ums Leben; 38 Prozent des Nationalvermögens (zum Vergleich: Frankreich 1,5 Prozent) wurden vernichtet, das ursprüngliche polnische Territorium auf die Hälfte verkleinert. Freilich sind dies nur Zahlen, die – zumal "aus der Rückschau einer gesitteten Welt" (Werner Markert), das von Deutschen verursachte Elend nicht annähernd ausleuchten können.

Dieser Schreckensbilanz stehen die Ergebnisse des deutsch-polnischen Ausgleichs nach Abschluß des Warschauer Vertrages von 1970 gegenüber. Es ist ein Netz von Konsultationen auf allen Regierungsebenen entstanden. Die deutschen Ausfuhren nach Polen haben sich verfünffacht, die Einfuhren verdreifacht. Bis September 1977 erhielten mehr als 120 000 Polen die Genehmigung zur Umsiedlung. Rund 1,5 Millionen Bundesbürger reisten nach Polen, nahezu eine Million Polen besuchten die Bundesrepublik. Städte- und Universitätspartnerschaften, Kulturaustausch und wissenschaftliche Kontakte sind zur Selbstverständlichkeit im Umgang der beiden Völker miteinander geworden.

Dennoch ist die deutsch-polnische Entspannung und Zusammenarbeit in einigen Bereichen an ihre Grenzen gestoßen. Der weiteren Entwicklung des Warenverkehrs steht auf polnischer Seite der Devisenmangel entgegen. Kompensationsgeschäfte mit Rohstoffen und Halbfertigwaren finden in der deutschen Großindustrie immer weniger Gegenliebe, Klein- und Mittelbetrieben sind sie fast ganz unmöglich. Der außenpolitische Spielraum ist ebenfalls ausgeschöpft: Zwischen Bonn und Warschau läuft nichts ohne Moskau. Zwar gibt es im Augenblick auch kaum bilaterale Reibungsflächen, abgesehen von der nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auf deutscher Seite nicht endgültig zu regelnden Grenzfrage und dem Streit um die Fischereirechte in der Ostsee.

Ein Angebot zu politischen Fortschritten war von den polnischen Journalisten freilich nicht zu erwarten. Ihnen ging es vielmehr um Vertrauensbildung und um Werbung für ihr Land. Daß sie dabei auch deutliche Worte zum polnisch-sowjetischen Verhältnis nicht scheuten, sprach für die Nüchternheit der polnischen Publizisten. Um so aufmerksamer sollte deshalb ihr, wiederholtes Angebot zur Kenntnis genommen werden, den Austausch von Journalisten und von veröffentlichten Meinungen zu verstärken. Ulrich Völklein