Der Bundeskanzler, und Wahlkampf reisende Helmut Schmidt schaut dem Volk aufs Maul – wann brandet Beifall auf, wann vielleicht sogar unerwartet? In Hessen erlebte Schmidt gleich zu Anfang, wie herzlich ihm applaudiert wurde, wenn in seine Rede, und sei es nur beiläufig, Sympathie einfließt für den Bundespräsidenten. Das zündete. Seitdem läßt Schmidt keine Gelegenheit mehr aus, ohne die Statur Walter Scheels zu preisen; vor allem hinzuzufügen, wie wünschenswert es sei, ihn über das Jahr 1979 im Amte zu behalten, statt ihn gegen einen bisher nicht einmal benannten Kandidaten der Unionsparteien auszutauschen.

Dem Komment entspricht es nicht, den Bundespräsidenten bei der Sympathiewerbung der Parteien einzubeziehen. Aber gegen Schmidts Verstoß werden sich nicht viele auflehnen. Über Walter Scheel denken die meisten wie er. Selbst führende Unionspolitiker sparen unter der Hand nicht mit Worten der Bewunderung. Der CDU-Abgeordnete Evers tat es sogar öffentlich. Auch er brach also ein Tabu – nämlich kein Wort zu sagen, solange die Union die Debatte über ihren Kandidaten nicht eröffnet.

Aber dies sind ja keine Tabus, vor denen man den Hut ziehen muß; sie haben sich halt eingebürgert, sonst nichts. Und wo es nun plötzlich nicht mehr ketzerisch wirkt, daß vor aller Öffentlichkeit ein Wort über die nächste Wahl zum Bundespräsidenten gesprochen wird, könnte die Union in Verdrückung geraten. Nicht daß man daran zweifelte, auch sie würde einen ansehnlichen Kandidaten ins Rennen schicken. Aber die Exklusivität der Parteien, mit der sie bislang die Wahl des Präsidenten samt allem, was daran hängt, für sich allein reklamierten, sie könnte ins Wanken geraten. Wenn öffentliche Stimmungen sich frühzeitig regen und Parteigrenzen dabei verwischen – schadet dies unserem Staate? Vielleicht ist das letzte Wort nun doch noch nicht gesprochen – und wir behalten Walter Scheel. Be.