Teure Kaffeefahrten für Rentner Achtung Konsumenten-10. Folge

Von Viola Roggenkamp

Nun hör mal ’n Augenblick zu, Mutti, und plappert hier nicht alle so durcheinander. Ich sag’ schon, wie das Programm abläuft. Aber denn muß auch mal ’n Augenblick Ruhe sein. Ihr wollt doch wissen, was ich mitgebracht habe. Das hat nämlich noch niemand von Ihnen gesehen, meine Damen und Herren. Echt. Nachher gibt das Stimmung, Tanz und Musik bis daß die Nähte platzen. Jawoll. Und fertig ist die Laube. Alles in Rodger?"

Den Raum und dann die Bühne hatte er genommen wie ein Preisbulle die Arena. Eine halbe Stunde später standen ihm Schweißperlen auf dem feisten Gesicht, hatte er das kleinkarierte Jackett ab- und damit seinen prallgefütterten Oberkörper freigelegt. "Ich muß so aussehen. Wegen der Überzeugungskraft."

Bodo Brock, 30 Jahre alt, Verkäufer bei der Bremer Vertriebsfirma "Consumenta" und seit fünfeinhalb Jahren im Kaffeefahrtengeschäft, hatte aus seinen schmalen Äuglein die Schar vor sich im Saal kurz überblickt und abgeschätzt: Rentner, alleinstehende Frauen, aber auch Ehepaare. Darunter ein paar längst bekannte Gesichter. Die Profis unter den Kaffeefahrern. "Na, Oma, auch wieder dabei? Das gefällt dir bei uns, was?" Dann noch vier, fünf jüngere Frauen. Vielleicht würden sie etwas kaufen. Und zwei Kinder. Die fielen weg. Ebenso wie die Profis.

Auf sie alle donnerte er zur Einstimmung ein paar Sprüche herunter von aggressiv, plump vertraulicher Witzigkeit, in denen fünfjährige Routine schepperte. Mit erstaunt verschrecktem Gekicher und leicht eingezogenen Köpfen reagierte sein Publikum auf den herzhaft rüden Ton. "Komm, jetzt – laß mich mal reden. Ihr wißt ja, bei Kaffeefahrten gibt es immer auch ’ne Verkaufsveranstaltung. Daß wir uns recht verstehen: Ich muß hier nichts verkaufen. Das hab’ ich nämlich gar nicht nötig. Das sind alles Spitzenprodukte, die ich hier zeige. Die verkaufen sich von ganz allein."

Sie saßen zu seinen Füßen, an langen Tischen aufgereiht, hatten eben eine trockene Scheibe Weißbrot mit Wurst oder Käse verdrückt, dazu hauchdünnen Kaffee getrunken und ließen sich nun von der Bühne herab anmachen. Wenigstens einigen von ihnen war vielleicht klarzumachen, daß der kleine Heizofen mit Kaltluftventilation als Klimaanlage für sie ein notwendiges wie preiswertes Möbel sei.