Von Manfred Sack

Kaum eine Stadt, die nicht ihr in Beton gegossenes Investitions-Mal hätte – Zeugnis für den banalen Triumph von Geschäftssinn, cleverer Überlegenheit und einer unangenehmen Art von Fortschrittsvertraulichkeit. Berlin hat seinen "Steglitzer Kreisel", ein nicht nur überflüssiges, sondern eine städtische Umgebung erheblich störendes Monstrum; Schleswig wird auf eine absurde Weise überragt von einem ebenso langweiligen wie imperativen Wohnturm namens "Viking" Lübeck hat sich in seine kleinteilige Altstadt eine riesig ausladende Parkgarage gebaut; in Ulm legt sich ein monumentales zwanzigstöckiges Terrassenhaus wie ein Riegel vor die Altstadt mit dem Münster – und nicht zu zählen alle die Städte, die sich ihren Maßstab haben zerstören lassen durch monumentale Kaufhäuser mit ihren kolossalen fensterlosen, toten Fassaden, kommerziellen Festungen, gegen die scheinbar kein Kraut gewachsen ist. Allen diesen, den genannten und den ungenannten Beispielen gemeinsam ist die spätestens beim Bau entstandene Gewißheit, daß etwas ganz Falsches, sogar Irreparables geschieht, und der hilflose Unwille der Allgemeinheit. Die meist gebrauchte Entschuldigung der Akteure hieß ja: "Sachzwang".

Großer Klotz in kleiner Stadt

Indessen ist nun zum erstenmal bewiesen worden, daß der – meist finanziell begründete – "Sachzwang" eine oft nur bequeme Ausrede ist, und daß Protest und Einsicht beinah Berge, sagen wir Beton versetzen kann. So ist es gerade, zum erstenmal so deutlich in der Bundesrepublik, in Bad Wimpfen geschehen. Nicht, daß hier aus einem verunglückten, das Stadtbild aus dem Gleichgewicht stoßenden Betonriesen nun eine liebliche oder große Architektur gemacht worden ist; das zu erwarten wäre unfair. Wichtig ist, daß sich hier etwas tatsächlich ereignet hat, was andernorts nur geträumt oder vergeblich gefordert worden ist: die Korrektur eines Irrtums.

Der schlechte Ruf hat eine lange Schleppe. So vollzieht sich der Einzug der Mieter und der Apartment-Käufer in das nunmehr fertige Haus an der Mathildenbadstraße von Bad Wimpfen unverdient still und zögernd. Es gibt keine Einweihung, weder aufrichtige noch gewundene Reden. Weit und breit ist niemand, der den bemerkenswerten Erfolg dieses im letzten Augenblick verhinderten Ärgernisses für rein genug hielte, damit zu werben, nicht einmal für die alte Kaiser und Freie Reichsstadt deren berühmte Stadtsilhouette gerade noch einmal gerettet worden ist. Gemeinderat, Landratsamt und ihre Sachverständigen mitsamt den Denkmalpflegern in Stuttgart müssen sich schämen; der Bauherr ist von seinem Irrweg, auf den man ihn mit baurechtlich gesicherten Zertifikaten geschickt hatte, noch etwas erschöpft; die beiden jungen Architekten, denen die komplizierte Korrektur gelungen ist, zögern in ihrer Bescheidenheit. Dabei haben sie mit Einfallskraft und Courage eine in der Bundesrepublik einzigartige Arbeit vollbracht.

Die Geschichte dieses absonderlichen Musterfalls zeitgenössischer Architektur hatte vor sieben Jahren angefangen, als Bad Wimpfen in einem späten Anfall von Fortschrittslust etwas ganz Modernes versuchte. Es bot dem erfolgreichen Heilbronner Wohnungsbau-Unternehmer Herbert Ensle ein besonders attraktives Grundstück an. Es liegt, am Ende der von mittelalterlichen Türmen anmutig pointierten Silhouette, auf dem Hochufer des Neckars. Der Blick von hier oben geht, nach Norden, weit über das schöne, von dem ungegliederten Brocken einer Zuckerfabrik, leicht entstellte Tal. Man kann dem schön gewundenen Lauf des Flusses folgen und erkennt in der Ferne die Burgen Horneck, Ehrenfels und die Götzburg. Hier oben also sollte das unrentabel gewordene – und nicht besonders schöne – Mathildenbad ersetzt werden durch einen modernen Apartment- und Hotelbau. 1972 wurde das Baugesuch genehmigt, 1973 das alte Gebäude abgebrochen, das neue begonnen.

Der Rohbau war kaum vollendet, als laut und heftig die Kritik einsetzte und sich auch in so derben Sprüchen äußerte wie dem des früheren Hamburger Bausenators Rolf Biallas, das gehöre ja einfach von Granaten beschossen. Die Einsprüche der weit verstreuten Wimpfen-Freunde kamen sogar aus Übersee. Ihr Protest wandte sich gegen Größe, Gestalt und Plazierung des Gebäudes, eines am Neckar-Steilhang auffällig terrassierten, klobig aufragenden, sich vordrängenden Bauwerks aus. Beton. Entworfen hatte es ein ortsansässiger, von der Aufgabe offensichtlich überforderter Architekt, der sich von der ungewöhnlichen Chance hatte verführen lassen, in der Kleinstadt etwas Großes zu vollbringen. Solche Aufgaben versucht man deshalb gewöhnlich in Wettbewerben unter vielen Architekten zu lösen.