Von Axel Thomas

Kurssicher und mit geringer Fahrt schob sich die "Royal Viking Sea" in die enge Passage. Beiderseits des Bugs rückten die faul- und moosbewachsenen Felswände immer näher. Das mächtige, 22 000 Tonnen große Schiff schrumpfte auf Spielzeugdimension.

Eine halbe Stunde zuvor hatte der Cruise Director, die maritime Version des maître de plaisir, per Bordlautsprecher mitgeteilt, nun erwarte uns der Höhepunkt dieser Norwegentour, die Einfahrt in den Geiranger-Fjord. Diese Ankündigung kam einem Alle-Mann-an-Bord-Kommando gleich, die meisten der rund 500 Passagiere, die in den 15 verschiedenen Kabinen klassen Platz finden, säumten nun die Reling. "Ist das nicht phantastisch?", fragte der Amerikaner aus Wisconsin, der gerade seinen dritten Film in die Kamera einlegte. "Ich sage Ihnen", erläuterte er mit voller Begeisterung, "das hier ist gewiß eine der schönsten Kreuzfahrtrouten der Welt. Ich bin schon durch die Karibik gekreuzt, durch den Südatlantik und durchs Mittelmeer. Aber die Fjorde sind einmalig."

Der Mann aus Milwaukee fand einhellige Zustimmung bei den Umstehenden, meist Landsleute von ihm. Insofern war unsere kleine Runde ein getreues Spiegelbild der Passagierliste. Doch auch die wenigen Europäer auf dem Schiff zeigten sich beeindruckt von Nordlands Schönheit: "Ich war schon mit dem Auto hier", sagte ein Franzose, "aber per Schiff ist das noch faszinierender."

Infolge solcher Wertschätzung erfreut sich das in seiner Art einmalige Kreuzfahrtrevier in der kurzen Sommersaison eines regen Verkehrs auf seinen schmalen Wasserwegen. Allein in Geiranger werden in diesem Jahr, von Mai bis Ende dieses Monats, 78 Kreuzfahrerankünfte verzeichnet; Höhepunkt dieser Saison waren der 4. und 5. Juli, als sechs große Passagierschiffe in dem engen Gewässer vor Anker gingen. Damit kamen binnen Stunden mehr als zweitausend Passagiere in das nicht allzu große Tal – nichts für Freunde nordischer Einsamkeit, insbesondere, wenn man bedenkt, daß dieses kleine Tal nicht zu Unrecht auch ein Lieblingsziel der Autotouristen ist.

Im Geiranger-Fjord waren wir an diesem Tag allein, aber einen Tag später, im nicht minder reizvollen Olden-Fjord, teilten wir uns den Platz mit den Passagieren eines anderen Kreuzfahrtschiffes. Oberhalb des Fjords zieht ein hochhaushoher, stets knisternder und tropfender Ausläufer des mächtigen Briksdalgletschers die Besucher an. Nach einer halbstündigen Busfahrt gelangt man zum Ausgangspunkt eines zum Gletscher führenden Fußpfads, den man allerdings auch im Pferdewagen bewältigen kann. Auf dem kleinen Weg wird der Aufstieg schnell zur Prozession, wenn die Kreuzfahrtschiffe ihre Fahrgäste anlanden und sich diese Hundertschaften unter die Mengen auf dem Weg nach oben mischen. Aber der Marsch lohnt sich dennoch.

In anderen Häfen fällt dieser Ansturm weniger auf, weil er sich mehr verteilt. Allerdings merkt man auch in Oslo oder Bergen, wenn ein "Kreuzfahrer" eingelaufen ist. Dann wird es eng am Oseberg-Shiff und im Vigeland-Skulpturenpark in der Hauptstadt oder in der Fantoft-Stabkirche und im Edward-Grieg-Haus in Bergen. Aber solches Gedränge ist in der Hauptsaison symptomatisch für jegliche Touristenattraktion, es ist auch nicht der Grund für jene Passagiere, die selbst in den schönsten Häfen nicht von Bord gehen. Auch die stattlichen Kosten für Ausflüge (beispielsweise bis zu 320 Dollar je Person auf der zweiwöchigen Nordkapfahrt) halten die wohlsituierten Bordgäste in der Regel nicht vom Landgang ab. "Wir genießen das Leben an Bord, das macht für uns den Reiz dieser Ferien aus", erklärte mir eine Dame aus Sausalito in Kalifornien, als wir vor dem turnusmäßigen Captain’s Dinner an der Cocktailbar ins Gespräch kamen. Ihr Mann ergänzte: "Wir fühlen uns hier zu Hause."