Es geschehen Zeichen und Wunder: Jahrelang hat man darauf gewartet, den Berlinern möge die Erkenntnis dämmern, daß Geld allein nichts nutzt, selbst wenn es im Jahr sieben Milliarden Mark Subventionen sind, daß es vielmehr auf die Menschen ankommt – auf die menschlichen und politischen Qualität derjenigen, die in diesem Stadtstaat zwischen den Welten die Führung verkörpern. Jahrelang hätte man auf ein Wunder gehofft und darauf gesetzt, daß die CDU aus ihrem Dauerschlaf erwacht, um das Gesetz des Handelns dort in die Hand zu nehmen, wo andere die Zügel schleifen lassen.

Nun ist beides zugleich geschehen. Die CDU schickt Richard von Weizsäcker als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters nach Berlin – seit Jahren hat sie nichts ähnlich Gescheites getan.

Wann immer man in Berlin ist, in dieser grandiosen Stadt mit der trotzig pfiffigen Bevölkerung, spürt man die Diskrepanz zwischen der ungewöhnlichen Vergangenheit und dem, was in allen Parteien an Führungssubstanz übriggeblieben ist: Provinzielle, in taktischem Gerangel und Gekungel verfilzte Funktionäre. Dies ist vor allem auf der Bezirksebene der Fall. Im Senat sitzen zwar ausgezeichnete Leute, aber auch da ist keiner mehr, dem der weite Mantel paßt, den einst Ernst Reuter trug.

Nun wird sich Weizsäcker in diese Arena stürzen – eine unangefochtene moralische Autorität, ein Mann von großer Lauterkeit und hohen Geistesgaben, der vielseitige politische Erfahrungen mitbringt und dessen Ehrgeiz mehr auf die Sache als auf den persönlichen Erfolg gerichtet ist. Manche meinen, gerade ein so beschaffener Politiker werde in diesem Klima des "Eine-Handwäscht-die-andere" zum Untergang verdammt sein. Sie vergessen, daß die Berliner dieser Mentalität längst überdrüssig sind. Manch einer wird in Berlin die Chance zu solchem Wechsel ergreifen, auch wenn er normalerweise vielleicht nicht für die CDU gestimmt hat, vor allem die Jungen, denen Parteienstreit auf unterstem Niveau von Herzen zuwider ist.

Sechs Monate bis zur Wahl im kommenden Frühjahr – da bleibt freilich wenig Zeit. Aber Weizsäcker benötigt ja keine Public-Relation-Firma, die erst auf Touren kommen muß. Er hat genug Ausstrahlung, um durch sich selbst zu wirken. Auch kann man sich vorstellen, daß spontane Bürgerinitiative mithilft, einen Politiker an die Spitze zu bringen, der die Probleme beim Namen nennt, sie nicht verkleistern will, sondern zu lösen trachtet, ein Mann, dem taktisches Ränkespiel und Schacherei um kleinliche Vorteile ganz und gar fremd sind.

Für ihn selbst bedeutet diese Herausforderung – "endlich eine wirkliche Aufgabe" – eine große Genugtuung. Die Aufgabe allerdings ist herkulischen Ausmaßes: bei der letzten Wahl war der CDU-Vorsitzende Peter Lorenz gerade aus der Hand der Terroristen befreit worden. Seine Partei, der damals eine Welle von Sympathie entgegenschlug, brachte es auf 43,9 Prozent. Dieses Rekordresultat noch zu erhöhen, wird schwer sein. Sollte es gelingen, so würde den Sieger die dann ebenso schwere Aufgabe erwarten, die CDU zu verändern, was vor allem heißt, sie zu verjüngen.

Richard von Weizsäcker hat nie danach gefragt, was seiner Karriere nutzt, oder ob ihr etwas zum Schaden gereicht. Er hat sich immer zur Verfügung gestellt, wenn er gerufen wurde, selbst dann, wenn er keinerlei Chance hatte, beispielsweise 1974, als die CDU/CSU-Mitglieder ihn bei der Bundespräsidentenwahl zu Walter Scheels Gegenkandidaten nominierten. Er akzeptierte, ungeachtet der Mehrheitsverhältnisse, die die Niederlage mit Sicherheit voraussehen ließ. Seine Begründung: "Demokratie bedeutet Alternative, einer von uns muß sich zur Wahl stellen."