Von Mareike Boom

Die eigene Brille für die allein richtige zu halten, ist immer gefährlich. So gehen Salewski/Lanz – Salewski ist Diplompsychologe und Berater der Bundesregierung bei der Terrorismusbekämpfung, Lanz lebt als freier Autor in München – vor, wenn sie in ihrem Buch

"Die neue Gewalt und wie man ihr begegnet", Droemer/Knaur München 1978, 223 S., 24,–DM

allein den psychologischen Aspekt am Phänomen "Gewalt" betrachten, nicht aber als einen unter anderen. Dies führt dazu, in Gewalttätern ausschließlich Menschen zu sehen, die es nicht gelernt haben, mit ihrem überdurchschnittlich hohen Adrenalinspiegel fertig zu werden. Solche Menschen haben – nach den Autoren – zwei Möglichkeiten der Bewältigung: Entweder werden sie innerhalb der gesellschaftlichen Normen aktiv, etwa als "Top-Manager", oder sie stellen sich gegen sie. In welche Bahnen diese Aktivität gelenkt wird, entscheide sich schon zwischen dem 3. und 36. Lebensmonat. Eine nähere Bestimmung des "wie" bleibt aus. Neben diesem somatischen Einfluß werden die Gewalttäter als wesentlich sozialisationsgeschädigt bestimmt: Die Kommunikation zwischen Eltern- und Kindergeneration ist gestört, die Kinder sind wegen des Mangels an positiven Vorbildern bei ihrer Identitätsfindung allein gelassen, eine partnerschaftliche Auseinandersetzung findet nicht statt.

Was in der Flut der in den letzten Jahren erschienenen Literatur zur Sozialisationstheorie unbeantwortet blieb, ist den Verfassern noch nicht einmal ein Fragezeichen wert: die Frage nämlich nach dem Ausmaß des Einflusses der Sozialisationsbedingungen. Überwiegende Einigkeit besteht allein darin, daß diese Faktoren einen Einfluß haben – mehr nicht.

Salewski und Lanz leiten aus den Kindheitseinflüssen nicht eine lineare Kausalität in den Weg der Gewalt ab, sie gehen vielmehr a posteriori vor: Der heutige Gewalttäter ist das "Produkt" einer geschädigten Sozialisation, angetrieben durch eine "tiefe, psychische Energie", das Adrenalin. Der analytische Wert dieser Gedankenführung ist gleich Null, denn er läßt unbeantwortet, warum nicht tausend andere, auf die die gleichen Bedingungen zutreffen, zu Gewalttätern werden. Der Erklärungswert wird weiter geschmälert, betrachtet man die konkreten Biographien von Terroristen: Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin zum Beispiel hatten ein intaktes, kommunikationsfreudiges Zuhause.

Welche Lösungen bieten die Autoren mit ihrem, um den Adrenalinschock angereicherten Frustrations-Aggressions-Konzept? Sie appellieren an den einzelnen, das Gespräch im privaten Bereich auch mit dem vermeintlichen Gegner zu suchen, ein Anderssein zunächst zu akzeptieren und durch die Kraft des besseren Arguments (wer bestimmt, was "besser" ist?) zu überzeugen. Wenn jeder von ego zu alter so verführe, werde sich schon irgendwann – als Summe der Bemühungen aller – die bessere Moral durchsetzen. Dieses Konzept geht von der naiven Annahme aus, als sei der herrschaftsfreie Dialog noch durch die Kraft des freien Willens möglich; auch kann es seine Analogie zur christlichen Ethik nicht verleugnen. Nichts ist gegen solche ethischen Konzepte einzuwenden, nur – sie in der heutigen Situation als gewaltarmen Lösungsvorschlag zum Problem der internationalen Gewalt anzubieten, zeugt von einem sträflichen Verzicht auf Realitätsnähe.