Von Ruth Herrmann

Der erste Gastarbeiter, heißt es, war ein portugiesischer Zimmermann, der Anfang der sechziger Jahre in die Bundesrepublik kam. Das klingt jetzt – nach nur etwa fünfzehn Jahren – wie die Geschichte vom Urvater, der seine Heimat verließ und als Pionier in ein fremdes Land zog. – Und sie waren fruchtbar und mehreten sich.

Mittlerweile haben wir eine runde Million ausländischer Kinder und Jugendlicher im Land, ein Faktum, das die breite Öffentlichkeit erst in den letzten beiden Jahren wirklich zur Kenntnis genommen hat – und das anfangs verblüffte, als hätte jemand von einem Kasten mit unbekanntem Inhalt endlich einmal den Deckel abgenommen und die Bescherung entdeckt.

In den Schulen sind die kleinen Ausländer schlimm dran (und Lehrer und Mitschüler mit ihnen). Bis sie die deutsche Sprache einigermaßen verstehen, geschweige denn sprechen können, ist oft schon der Lehrstoff mehrerer Klassen an ihnen vorübergerauscht. Bekanntlich bringt es deshalb nur ein Drittel von ihnen zum Hauptschulabschluß.

Verglichen mit dem, was sie erwartet, wenn sie die Jahre in der Schule pflichtgemäß abgesessen haben, ist die Quälerei der frühen Jahre allerdings noch Gold. In der Klasse hatten jedenfalls alle einen Platz. Aber sobald Murat, Giacomo, Aysel und Milovan ins erwerbsfähige Alter kommen, gehören sie zu einer Klasse, für die kein Platz ist. Jährlich kommen 45 000 an diese Schranke. Sie wollen etwas werden und dafür lernen; aber für vier Fünftel von ihnen wird daraus nichts. Sie bekommen keine Lehrstelle, und soweit sie sich nicht als schlecht bezahlte Aushilfsarbeiter mal hier, mal da betätigen, steht fortan Nichtstun auf ihrem Stundenplan.

Im Arbeitsministerium wird geschätzt, daß bis 1981 wohl 225 000 Gastarbeiterkinder – wahrscheinlich vergeblich – auf einen Arbeitsplatz warten, und das in Konkurrenz mit 400 000 Deutschen, die dann in den Beruf wollen.

Ihre Zukunft ist düster, und längst ist klar, daß diese Ausländergeneration den Preis für den besseren Lebensstandard bezahlt, den ihre Eltern anstrebten und teils auch erreichten.