Von Michael Krüger

Giorgio Manganelli wurde 1921 in Mailand geboren, studierte englische Literatur und lebt in Rom" – lakonischer läßt sich ein Lebenslauf nicht wiedergeben, der doch immerhin einen Mann beschreiben soll, von dem DIE ZEIT behauptete, er sei der einflußreichste Schriftsteller Italiens. Aber dieses Verbergen ist zugleich Enthüllung: kein noch so wichtiges Detail aus dem Leben dieses Schriftstellers ist wichtig für sein Werk, kein konstituierendes Element dieser Prosa läßt Rückschlüsse zu auf das Leben ihres Autors – so will uns die biographische Notiz lehren in dem dritten bei Wagenbach verlegten Buch von –

Giorgio Manganelli: "Unschluß", aus dem Italienischen von Iris Schnebel-Kaschnitz; Quartheft 92, Wagenbach Verlag, Berlin, 1978; 137 S., 16,80 DM.

Auch wenn wir es besser zu wissen vermeinen und selbst diesen Eulenspiegel in unseren Theorien unterzubringen vermögen, so steckt doch hinter dieser strikten Trennung von Leben und Werk ein Prinzip, das unserer Auffassung von Literatur ganz und gar ermangelt. Vielleicht ist dies der Grund oder ein Grund dafür, warum dieser Autor in Deutschland so wenig bekannt ist: Seine beiden vorangegangenen Bücher, "Niederauffahrt" und "Omegabet" sind noch immer in den Erstauflagen erhältlich.

Manganelli teilt das Schicksal vieler international renommierter Autoren, in Deutschland nur noch von Spezialisten und Kollegen gelesen zu werden. Die italienische Literatur, von Cesare Pavese bis Giorgio Bassani, von Paolo Volponi bis zu Leonardo Sciascia, von Ungaretti bis Montale, vor einigen Jahren noch Pflichtlektüre der deutschen literarisch interessierten Intelligenz, hat, trotz aller etwa in Frankreich ununterbrochen gerühmten Eigenschaften, in der Bundesrepublik keinen Marktwert mehr, der den Kulturinstitutionen für ein Engagement ausreichend erscheint. Was den fremdsprachenschwachen Deutschen bei einer so bornierten Kulturpolitik entgeht, können wir nach der Lektüre dieses von Iris Schnebel-Kaschnitz bewunderungswürdig übersetzten Buches ahnen: ein spielerisch-intellektuelles Element der Literatur, das unsere in der Regel kleinkarierte Diskussion um neue Subjektivität – deren Funktion sich ja offensichtlich daran erschöpfte, dem guten alten Realismus wieder die Schleusen zu öffnen – lächerlich macht, indem es tatsächlich eine grenzenlose Subjektivität in der Wahl des Gegenstandes und der Mittel ihrer Beschreibung garantiert.

Vor zehn Jahren, als wir Instrumente zu erfinden versuchten zur Messung der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse mittels subversiver Poesie, veröffentlichte Giorgio Manganelli seine Thesen über die Lust an der Literatur in dem Aufsatz "Literatur als Lüge", der sich entschieden gegen die ideologische Vereinnahmung der Literatur wehrte. In diesem Aufsatz stand die später häufig zitierte polemische Frage, warum, in aller Welt in der Literatur die Trennung zwischen Lebenden und Toten so strikt eingehalten werde wie die Trennung von Männern und Frauen in den Umkleidekabinen öffentlicher Badeanstalten. Dieser Satz findet sich, beschnitten um den in den letzten Jahren obsolet gewordenen zweiten Teil, in "Unschluß" wieder. Dort sagt der Ich-Erzähler, dessen bedenklicher Monolog das Buch ausschließlich füllt: "Ich bin ein Schattenwesen und würde gern auf einem unendlich regnerischen und wolkigen Planeten leben, wo die Straßen alsbald von einem dichten Haargespinst aus Trauerweiden überdacht wären, wo alles Schimmel wäre und Pilz und Moos, und wo es keine andere Farbe gäbe als ein schweigsames Grün; eine Welt aus verrotteter fleckiger Rinde, eine krepuskolare Welt, vor allem aber eine, in der es eben jene scharfe und meiner Ansicht nach vulgäre Unterscheidung von Lebenden und Toten nicht gäbe, welche die Ursache ist von soviel Unrecht und Leid." Ein Teil dieser unfrommen Wünsche ist bereits in Erfüllung gegangen, denn dieser sinistre Monologist lebt mit Toten und Untoten, mit Lebenden und Wieder-Lebenden in verschiedenen Konsistenzgraden unter einem Dach, das allein dem gleichmäßigen und gleichmacherischen Regen Widerstand bietet vor dem Davonschwimmen ins Nichts.

Was zunächst wie eine Allmachtsvision eines Kindes anmutet – der erste Satz des Buches lautet: "Langsam, in aller Ruhe, legte ich meinen Vater in die Schublade zurück" – entpuppt sich im folgenden als ein viel umfassenderes Prinzip: In diesem Haus, oder muß man sagen: in diesem Kopf, geht keiner den Weg alles Irdischen in den Tod, sondern benutzt diesen Weg zur sofortigen Rückkehr. Nichts geht also verloren. Menschen und mithin ihre Ideen bleiben am Leben, wenn auch in jeweils veränderter Form. Nur ist diese ständige Präsenz, diese Vorstellung einer additiven Kultur, alles andere als ein Grund zur Freude – und des Ich-Erzählers unverhohlene Sympathie für diesen chaotischen Zustand ist pure Ironie.