Wer bei Neckermann und Reisen nachfragt, warum der Kreuzfahrten-Prospekt für die Wintersaison auf den ersten zwanzig Seiten ein Schiff präsentiert, das erstmalig am 7. April 1979 "exklusiv" für die Frankfurter in See sticht, erfährt: Unsere Winter-Seereisen sind fast ausgebucht. Kreuzfahrer, so hat nicht nur NUR im Laufe der Jahre festgestellt, planen und buchen langfristiger als andere Reisende. Die Seereise-Kataloge können deshalb auch zur Vorbereitung von Sommer-Touren dienen.

Bei Neckermann gilt dies mit einer Einschränkung: Für den Sommer 79 verspricht der Winterprospekt mehr als NUR halten kann. Die mit begeisternden Schilderungen angepriesene "World Discoverer" ist in der nächsten Sommersaison nicht unter NUR-Vertrag, die angebotenen Fahrten ins Mittel- und Nordmeer fallen aus. Als Gründe für diesen Sinneswandel nennt Karl Maute, Sprecher des Frankfurter Reisetrusts: "Dieses Schiff ist für die Musikdampfer-Routen nicht ideal." Leider kam diese Erkenntnis erst, als der Prospekt schon in der Produktion war. So bleibt es bei den Wintertouren auf Abenteurer- und Expeditionskurs vom 7. bis 29. Oktober den Amazonas hoch bis nach Iquito (Preis ab 5688 Mark), anschließend drei Reisen in die Antarktis.

Die "World Discoverer" fährt im Sommer allerdings unter Chartervertrag der Lübeck-Linie zwischen Grönland und dem östlichen Mittelmeer. Bei Seetours können diese Entdecker-Reisen gebucht werden. Für das traditionelle Winterprogramm, das, der Sonne folgend, weitgehend in den warmen Revieren der Karibik absolviert wird, haben die drei großen deutschen Veranstalter – neben Neckermann sind dies Seetours International und die TUI-Tochter Touropa – und ein paar Außenseiter ein umfangreiches Angebot ausgearbeitet. Neu auf dem Markt ist die "Carnival", die ab Miami mit einem "neuen Konzept" für junge Leute in See sticht. Die "Carnival" gilt in Florida als "Fun-Ship", was für Stimmung à l’américàine steht. Wer amerikanische Geselligkeit liebt, kann auch bei Seetours und Neckermann allwöchentlich gen Westen düsen und von Miami aus zum "Island-Hopping" antreten. Passagiere, die das gleiche Vergnügen mit langen Seetörns verbinden möchten, können auf den bewährten russischen Devisenkreuzern "Ivan Franko" (Neckermann) oder "Alexandr Pushkin" (Transocean, Bremen) auf südlichem Kurs das Karibische Meer und seine unzähligen Inseln erreichen – preiswert, denn ein vierwöchiger Urlaub ist schon unter 2000 Mark zu haben.

Die Russen geben nach wie vor den Ton an im Seereisen-Geschäft. Touropa bringt mit der "Ajvasowskij" eine Novität auf den Markt. Die Premiere ist am 16. November mit einer Reise von Piräus über Kreta nach Alexandria, durch den Suezkanal, ins Rote Meer und zurück – diese Zwei-Wochen-Tour kostet je nach Kabine zwischen 1880 und 2880 Mark. Bis nach Aden führt die alle 14 Tage wiederholte Reise mit der "Neptun", Ausgangspunkt ist Suez (Touropa, mindestens 2715 Mark). Die arabische Halbinsel scheint die Entdeckung der Saison zu sein, denn auch die "Europa" der Hapag-Lloyd kreuzt vor den Küsten der Ölscheichs. Vom 19. Januar bis 8. Februar dauert ein Arabien-Trip exHeraklion/Kreta, Häfen sind Aqaba, Dschidda, Hodeida, Aden, Maskat, Bahrain, Abadan, Ziel ist Kuwait (ab 4650 Mark).

Ohne Flugzeuge könnten die Schiffe im Winter kaum gefüllt werden. Die meisten Reisen beginnen in warmen Gefilden, in der Karibik oder den Kanaren. Aber für Seefeste bietet Touropa wieder regelmäßig Fahrten mit der "Gruziya" ab Zeebrugge zu den Atlantischen Inseln – ab 1280 Mark in der billigsten Kabinenklasse.

Die "Gruziya" fährt in Konkurrenz zur "Black Prince", die auch alle Jahre wieder, in diesem Jahr allerdings auf drei unterschiedlichen Routen, von Rotterdam zu den Atlantischen Inseln in See sticht. Endstation sind immer Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas, dann geht es mit voller Fahrt in drei Tagen zurück nach Rotterdam, Das Geheimnis der relativ günstigen Preise (ab 1490 Mark in der Vier-Bett-Kabine): Fred Olsen, der Eigner der "Black Prince", ist auch ein erfolgreicher Gemüsehändler und Besitzer entsprechender Plantagen auf den Kanaren, seine "Black Prince" bringt auf der Rückreise Tomaten nach Europa.

Mit der "Gruziya" und der "Black Prince" muß sich auch das Angebot der TT-Linie mit der Ostsee-Fähre "Nils Holgersson" messen lassen. Das Superschiff wird zur Weihnachtszeit, wenn auf der Ostsee nicht viel los ist, zweckentfremdet für eine Kreuzfahrt nach Funchal eingesetzt. Die Preise scheinen günstig ab 995 Mark, aber dafür gibt es auch nur Frühstück an Bord – Lunch und Dinner wie es auf Kreuzfahrt-Deutsch heißt, gibt es gegen Kasse im à la carte Restaurant oder der Cafeteria. Seeluft macht bekanntlich hungrig und sollte entsprechend beim Etat bewertet werden.