Im Morgengrauen des 6. Juni 1944 begann an der Küste der Normandie der "längste Tag" des Zweiten Weltkriegs: die Operation "Overlord", die Invasion der Alliierten. Nur wenige Kilometer von den Janding beaches" entfernt, vor dem klassizistischen Prunkbau des Spielkasinos von Deauville, wehten letzte Woche noch einmal die Stars and Stripes der Sieger von damals. Und wiederum signalisierten sie eine Invasion, gleichwohl eine friedliche: die des amerikanischen Kinos, das im Gefolge von Omar Bradleys legendärer Erster Armee (The Big Red One) vor 34 Jahren ins befreite Europa zurückgekommen war. Inzwischen sind Hollywoods Truppen diesseits der Elbe stärker denn je, und beim vierten "Festival de Deauville du Cinéma Américain" demonstrierten sie machtvolle Präsenz.

Das Festival im teuersten Badeort Frankreichs, das einzige seiner Art in Europa, stellt ausschließlich amerikanische Produktionen vor. Aufwendige Erzeugnisse der Major Companies stehen neben den Werken unabhängiger Filmemacher, Retrospektiven (die in diesem Jahr King Vidor und Gloria Swanson gewidmet waren) finden sich ebenso auf dem Programm wie diverse Festivitäten zu Ehren der neuen Herren Hollywoods: eine Mischung aus Leistungsschau und Rückblick, Werberummel und Star-Hysterie, in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich in bezug auf den gegenwärtigen Zustand des amerikanischen Kinos.

Als am vergangenen Freitag Hollywoods neuer "Mega-Star" (darunter tut es die Reklame nicht mehr) John Travolta in Deauville eintraf, erwies sich eindrucksvoll, daß das oft totgesagte Starsystem immer noch (und vielleicht intensiver denn je) funktioniert: Der junge Mann mit der schwarzen Schmalztolle und der Ausstrahlung eines etwas törichten Friseurlehrlings verwandelte den ansonsten eher vornehm-verschlafenen Ort (Kinogänger kennen ihn als Kulisse von Claude Lelouchs "Ein Mann und eine Frau") mit einem Schlag in ein Tollhaus – Deauville im Travolta-Fieber. Keine der anderen Berühmtheiten, die sich in Deauville feiern ließen – von der munteren Achtzigerin Gloria Swanson, deren Karriere schon vorüber war, als die Alliierten 1944 in der Normandie landeten, bis zu Kirk Douglas und Anthony Quinn – fand auch nur annähernd so viel Resonanz wie das Teenageridol von "Saturday Night Fever". Während sich an die hundert Journalisten und Photographen am Einlaß zu Travoltas Zwanzig-Minuten-Pressekonferenz dramatische Schlachten lieferten, ließ der einst so vielversprechende George Peppard (der in Deauville seinen ersten Film als Regisseur vorstellte) über Lautsprecher ausrufen; er würde jetzt Autogramme geben – niemand unter den Schaulustigen kümmerte sich darum.

Wer oder was ist ein Star? Travolta, die Leitfigur der "Disco"-Welle (die wohl so rasch wieder verschwinden wird wie alle Reklametrends Hollywoods in den siebziger Jahren), verkörpert exemplarisch die verkümmerten Träume einer nur zum Wochenende scheinbar aus der strengen kapitalistischen Zucht entlassenen kleinbürgerlichen Jugend, die in seinen vital-vulgären Tanzbewegungen ihre eigenen Frustrationen ausgedrückt sieht. Aber er ist kein Rebell (nicht einmal einer ohne Sache) wie Marlon Brando oder James Dean vor zwanzig Jahren. Hinter seiner Ledermontur und seinen rüden Sprüchen in der Verfilmung des Broadway-Musicals "Grease" (Pomade), die die Trivialmythen der fünfziger Jahre zu Ausverkaufspreisen verschleudert, versteckt sich ein höchst angepaßter Jüngling, der nette "Boy next Door", der nur ein bißchen mit den Schmuddelkindern spielt, bevor er sich endgültig in die Arme seiner aseptisch blonden Herzallerliebsten flüchtet.

Travoltas Geheimnis (das jeder Star haben muß) ist letztlich, daß er keines besitzt. Aber selbst in einem so beschämend mittelmäßigen Film wie "Grease" beweist er genug Selbstbewußtsein, um sein schmales Talent bis zur bitteren Neige auszuspielen: In den USA hat dieser Film, inszeniert von einem Neuling namens Randal Kleiser, bereits die Kassenergebnisse von "Saturday Night Fever" übertroffen.

Andere, ältere Stars tun sich schwerer mit ihrem "Image". Steve McQueen, der sich als kantiger Action-Held allmählich von Clint Eastwood und Burt Reynolds verdrängt sieht, versucht vier Jahre nach seinem letzten Film ("Flammendes Inferno") eine geradezu abenteuerliche Kurskorrektur: In seiner eigenen Produktion von Ibsens Drama "Ein Volksfeind" versteckt er sich hinter einem gewaltigen Rauschebart und spielt, sehr ernst und sehr verhalten, einen norwegischen Kleinstadtdoktor. Seinem Marktwert wird dieses von George Schaefer im gepflegt-langweiligen Stil eines gehobenen deutschen Fernsehspiels inszenierte Werk kaum zuträglich sein, aber man kann sein Verlangen verstehen, wenigstens ein einziges Mal der üblichen Rollenschablone zu entrinnen.

Just jene stellt Anthony Quinn in Hal Bartletts unerträglich sentimentaler und gelackter Verfilmung von Oscar und Ruth Lewis’ berühmtem Buch "Die Kinder von Sanchez" aus: der Dokumentarbericht über das Elend in den Slums von Mexico-City als Vehikel für Quinns Paradenummer als latinischer "Macho", Herz und Schmerz mit allen Ingredienzien von "Alexis Sorbas". Kaum origineller, wenngleich sehr viel sympathischer agiert die eiserne Katharine Hepburn in dem süßlichen Kinderfilm "Olly, Olly, Oxen Free" von Richard A. Colla: als gutherzige, leicht spinnerte alte Jungfer, die zwei Knaben bei einem Ballonflug hilft – eine sonderbare Mischung aus "Mary Poppins" und dem neurotischen Gestus von "Plötzlich im letzten Sommer".