Von Alexander Mayr

Das ist offener Handelskrieg", erbost sich ein Basler Ladeninhaber. Denn die Eidgenossen pilgern zum Einkauf reihenweise über die nahe Grenze. Lörrach, Konstanz, Weil am Rhein, Waldshut und Tiengen, überall das gleiche Bild: Mehr als die Hälfte der Wagen auf den Parkplätzen der Grenzorte zur Schweiz tragen Basler, Aargauer, Schaffhauser, Thurgauer und Zürcher Nummernschilder.

"Ihr Franken ist bei uns jetzt mehr wert", ködert Quelle-Tochter Schöpflin, nur wenige Kilometer von Basel entfernt ansässig, in Schweizer Gazetten die Nachbarn, "Einkaufsvorteile ohne Grenzen", verheißt Herne in Lörrach der eidgenössischen Klientel, die die Ladenkassen zum Klingeln bringt. Rund ein Drittel der Hertie-Kunden sind Schweizer, doch ihr Umsatzanteil ist inzwischen schon auf die Hälfte hochgeschnellt. Umsatzsteigerungen von dreißig Prozent, in Extremfällen sogar mehr als eine Umsatzverdoppelung grenznaher Mitgliedsbetriebe konstatiert der Einzelhandelsverband Südbaden.

Die Konterversuche bleiben schwach. Unter dem Motto "Wir Basler unter uns" hofft der Basler Ableger des schweizerischen Kaufhauskonzerns Globus mit Preissenkungen in spezifischen Bereichen seine Kundschaft bei der Stange zu halten. Und die Globus-Tochter Au bon marche am Basler Claraplatz probierte sogar einen privaten Wechselkurs für die deutschen Klientel: Neunzig statt achtzig Rappen für eine Mark. Doch während die Einzelhändler auf der deutschen Seite des Rheins zufriedene Gesichter flachen, werden die der Schweizer Konkurrenz immer länger.

Der Käuferexodus hält an. Denn das Schweizer Preisniveau für Importgüter beginnt erst mit einiger Verzögerung sich der Überbewertung des kraftstrotzenden Franken anzupassen, die Bewohner grenznaher Regionen dagegen können sie durch Einkauf jenseits des Rheins sofort realisieren. "Wo bleiben die Preisabschläge auf Importwaren", fragte der schweizerische Konsumentenbund in seinem Pressedienst provokativ. Doch die Importeure haben’s nicht so eilig. "Einkauf noch zu hohen Kursen, langfristige Kontrakte in Franken und vorgenommene Kurssicherungen für Importgeschäfte lauten die üblichen Argumente für das nur zögernde Weitergeben der Währungsvorteile im Schweizer Handel. Selbst Helvetiens Einzelhandelsriese Migros (Umsatz 7,2 Milliarden Franken), der gelobt, Währungsgewinne weiterzugeben, versucht in einem "Franken hart wie Stahl" betitelten Inserat abzuwiegeln: "Irrig ist die Auffassung, Veränderungen des Währungsgefälles seien bei sämtlichen Warengruppen gleich rasch verspürbar. Denn die Währungen, die zur Bezahlung ausländischer Ware dienten, hätten oft noch zu einem höheren Wechselkurs beschafft werden, müssen. Die von der Migros herausgegebene Boulevardzeitung Tat sieht darin indes nur die eine Seite der Medaille. Unter dem Motto "Schweigen und kassieren" ist für die Importeure "jeder Tag, der ihnen einen derart vorteilhaften DM-Kurs bringt, ein zusätzlicher Zahltag".

Der Thürlemann-Discount, der in Basel Geräte der Unterhaltungselektronik an den Mann bringt, hat bereits Konsequenzen aus dem Versickern der Währungsgewinne im Zwischenhandel gezogen. "Seit ungefähr einem halben Jahr", erklärt Paul Thürlemann, "haben wir unseren Einkauf auf der ganzen Linie selbst organisiert und haben den Zwischenhandel ausgeschaltet. Die Direktversorgung erlaubt uns, Währungsgewinne an den Kunden weiterzugeben."

Eklatant sind vor allem die Währungsgewinne, die beim Autoimport versickern. Die Quittung aber kam sofort. Immer mehr clevere Schweizer importieren ihre Autos selbst. Bei Renault, deren helvetische Tochter den Eidgenossen vor Monatsfrist gar noch Preisaufschläge verordnet hatte, nahmen die Eigenimporte bereits in den ersten sechs Monaten des Jahres um das Sechsfache zu. Im Grenzgebiet wird heute bereits jeder fünfte Wagen vom Halter eigenhändig importiert. Deutsche und französische Autohändler an der Grenze tätigen ein Viertel, teilweise die Hälfte ihres Geschäfts mit Landesfremden. Deutsche Autohäuser bieten bereits bis Karlsruhe hinauf Gebrauchtwagen der höheren Preisklasse in Schweizer Zeitungsinseraten an.