Sensationell

Wolfgang Amadeus Mozart: "Violinkonzerte KV 216 und 219". Natürlich zunächst Skepsis – Wunderkinder hatten wir in letzter Zeit einige, die dann doch wieder in der Normalität verschwanden. Natürlich auch fürchterlich gespitzte Ohren, ob da nicht doch vielleicht die Technik einiges geschönt hatte oder gar auch dieses oder jenes hatte stehen lassen müssen. Aber es hilft nichts: die Sensation hält stand. Anne-Sophie Mutter, ganze fünfzehn Jahre jung, spielt Mozart, daß man den Atem anhalten muß, vor allem die langsamen Sätze sind so intensiv und sorgfältig in den Details, wie man es lange nicht gehört zu haben glaubt. Natürlich auch entsprechen dieser Geigenton und die ein bißchen nach Wehmut und der Suche nach einer verlorenen (schönen) Zeit klingenden Tempi ziemlich genau dem, was Herbert von Karajan, musikalischer Ziehvater von Anne-Sophie Mutter, in den letzten Jahren zu suchen und zu finden trachtet. Dazu eine Unkompliziertheit, die – Jugend hin, Genialität her – ansonsten meist aufgesetzt klingt, hier die Vorstellung aufkommen läßt, Mozart selber könnte vielleicht so musiziert haben wollen – wenn er in einer besonders "romantischen" Stimmung war: Die Stil-Puristen müssen gewiß noch ein bißchen Geduld mit Wunderkindern haben. (Anne-Sophie Mutter, Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; DGG 25 31 049 – MC 33 01 049)

Heinz Josef Herbort

Hervorragend

Lerryn: "Goya malt Karl IV." Diese Schallplatte ist einzigartig in der Liedermacher-Literatur – und das gleichermaßen durch die Qualität der Musik und ihre Interpretation und durch die ungewöhnlichen Texte, besser: die Gedanken, die in einer bilderreichen lyrischen Sprache vorgebracht werden. Der sich Lerryn nennende junge Künstler hat sich zuerst das Gemälde zum Sujet genommen, das Goya von der spanischen Königsfamilie gemalt hat, "die Mächtigen grad so, wie sie sind". Dann interpretiert er Brechts, von Eisler vertontes, von Manfred Schoof arrangiertes Gedicht "Von der Billigung der Welt", beschwört unter dem Titel "Der böse Traum" eine Frankfurter Kundgebung, in dem er mit Albert Mangeldorff den Zwiespalt zwischen den (konservativen) "Greisen" der SPD und den (linkslastigen) "Jüngeren", zwischen Dogmatikern und Liberalen darstellt, in einer zupackenden, ironisch temperierten Lyrik, unterstützt von einer in dieser Kunstsparte ganz außerordentlichen, genau treffenden, assoziationsreichen, niemals banal illustrierten Musik. Es gibt noch eine witzige Huldigung an den Posaunisten Mangelsdorff "Für’n Jazzer" und einen kurzen ironischen Brecht-Rausschmeißer. Lerryn singt nicht laut oder fanatisch, niemals forciert, sondern gelassen intensiv. So ist auch die hervorragende Jazzmusik: ruhig, kammermusikalisch, in ihren Anspielungen farbig. Musik und Interpretation wirken perfide durch die Mäßigung, die sie sich auferlegen. Und es ist klar, daß Lerryn weder Ernst Busch noch der Milva nacheifert noch Gisela May oder sonstwein. Ihm gelingt ein neuer Ton. (EMI-Electrola F6 66 208; auch im Vertrieb "Zweitausendeins".) Manfred Sack