Von Josef Joffe

Wer einen Lichtschimmer erblickt hat, kann die Dunkelheit nicht mehr aushalten." Mit diesem knappen Paradox erklärt Mehdi Barzegan, eine Schlüsselfigur in der "nationalen Opposition" gegen den Schah, die unaufhaltsamen Unruhen, die sich am vorigen Wochenende zu dem bisher blutigsten Straßengemetzel gesteigert haben. Im Iran gärt es schon seit Anfang dieses Jahres, aber erst am vergangenen "Schwarzen Freitag" verlor das Regime die Nerven: In Teheran erhielt das Militär den Befehl, wahllos in die Menge der Hunderttausende zu schießen, die nach dem Generalstreik vom Vortag trotz Demonstrationsverbot auf die Straße gegangen waren.

Offiziell soll das Massaker "nur" 106 Tote gefordert haben; im Volk munkelt man freilich von 2000. Für die nächsten sechs Monate hat der Schah das Kriegsrecht über die großen Städte des Landes verhängt. Seit Anfang dieser Woche rollt eine Verhaftungswelle durch das Land. Vorläufig herrscht buchstäblich Friedhofsruhe.

Alexis de Tocqueville, der Chronist der französischen Revolution, hat recht behalten: Revolten brechen nicht aus, wenn es dem Volk am schlechtesten geht, sondern dann, wenn sich die Verhältnisse bessern – wenn ein Lichtschimmer die Dunkelheit zerrissen hat.

Kurz nach Jimmy Carters Machtübernahme im Januar 1977 und dessen Kampagne für die Menschenrechte begann der "König der Könige", vorsichtig die Zügel zu lockern, weil – wie er selbst zugab – "man das Land nicht mehr wie vor 15 Jahren regieren" könne. Die Presse erhielt etwas mehr Auslauf; politische Gefangene wurden fürderhin von Zivilgerichten abgeurteilt; im Sommer dieses Jahres wurde der Chef des verhaßten Geheimdienstes "Savak" als Botschafter nach Pakistan abgeschoben, denn auch der Schah hatte mittlerweile erkannt, daß der Savak "zum Staat im Staat" geworden war. Für die Parlamentswahlen im kommenden Jahr hatte Reza Pahlevi eine geradezu tollkühne Reform angeboten: Selbst Regimegegner sollten mit kaiserlicher Erlaubnis gegen die Einheitspartei Rastakhiz antreten dürfen.

Es war, als hätte der Schah Benzin in die Flammen gegossen – buchstäblich. Die blutigste. Antwort war ein Brandanschlag auf ein Kino in Antwort das im August 400 Menschenleben forderte. Seitdem hat sich der sporadisch aufflackernde Widerstand zum Flächenfeuer ausgeweitet, das auch heute noch – trotz Kartätschen und Konzessionen – weiterschwelt und jederzeit wieder ausbrechen kann.

Die Machthaber kennen die Schuldigen: Es sind die "islamischen Marxisten", die sich in einer "unheiligen Allianz zwischen der schwarzen und der roten Reaktion" zusammengerottet haben. In der Tat, es ist eine merkwürdige Koalition, die den Pfauenthron ins Wanken gebracht hat. Sie umfaßt den Mob und die Mullahs, die entwurzelten Bauern und die enteigneten Großgrundbesitzer, die linken Intellektuellen, denen der Marsch in die Moderne nicht schnell genug geht, und die rechten Traditionalisten, die zurück in die Vergangenheit wollen. Zusammen konnten sie die Herrschaft über die Straße erringen, aber sie haben alle nur einen einzigen gemeinsamen Nenner: die Opposition zum Schah.