/ Von Carl-Christian Kaiser

Frankfurt, im September

Frankfurt am Main, Hauptwache, Zentrum der Stadt, Samstagvormittag, Einkaufszeit. Vom Informationsstand der CDU dröhnen über den Lautsprecher Aufforderungen an die Frankfurter, sich mit den Kandidaten der Union zu unterhalten. Kein geringerer als Oberbürgermeister Walter Wallmann steht zur Beantwortung von Fragen bereit.

Nur einen Steinwurf entfernt hat die FDP einen Stand aufgeschlagen, ohne Lautsprecher. Drumherum eine Gruppe junger Leute, die auf altertümlichen Radleiern Musik machen. Gegenüber noch ein junger Mann, der Marionetten feilbietet; der Erlös ist als Hilfe für die bedrohte Tierwelt bestimmt. Wieder etwas weiter auch ein Stand der SPD, nicht ganz leicht zu finden hinter den Bauzäunen, die Frankfurts Zentrum noch immer umstellen. Aber wie bei den beiden anderen Parteien bleiben die Passanten auch hier kaum stehen.

In ihren vielen Facetten wirkt die Momentaufnahme fast zu beziehungsreich. Die CDU trommelt, will vor allem liberale Wähler für sich gewinnen. Walter Wallmann ist dabei ein gutes Aushängeschild. Nach seinem Überraschungssieg bei den Kommunalwahlen im März 1977 hat sich in der hessischen Metropole keineswegs die finstere Reaktion breitgemacht. Da haben die Liberalen keinen leichten Stand, auch wenn sie sich inmitten der wolkenkratzenden Frankfurter Symbole für Konsum und Kommerz, Alternativen andeutend mit Radleiern und Umweltschützern umgeben. Und etwas abseits zieht die SPD ihre Kreise. Wer will, kann ihre Position am Frankfurter Bauzaun dafür nehmen, daß sie bei sich neue Fundamente gelegt hat.

Doch die Stimmbürger scheinen sich mit alledem einstweilen kaum aufzuhalten. Zwar sind die Versammlungen voll, manchmal bis zum Bersten, wenn die Matadore auftreten, zumal die aus Bonn. Aber daß es, wie die CDU verspricht, darum geht, eine "Wende in Hessen" zu bewirken, oder, wie SPD und FDP verkünden, letzten Endes entschieden werde, ob über die sozialliberale Regierung im Bund und über den Kanzler Helmut Schmidt der Daumen gehoben oder gesenkt wird – davon ist, am Anfang des Endspurts, noch wenig zu spüren.

Um so mehr strengen sich alle an, die Wähler zu mobilisieren, allen voran die Herausforderin CDU. Die Partei wirkt wie vom Startblock geschnellt, beinahe übertrainiert nach den zehnjährigen Probeläufen, die ihr immer bessere Wahlresultate brachten und schließlich zur Überrundung der scheinbar unschlagbaren SPD führten. Sie vibriert vor Energie, was sich etwa bei ihrem Landesgeschäftsführer Manfred Kanther zeigt, einem schneidigen Generalstäbler, der für noch so komplizierte Probleme scharf gestanzte Antworten weiß, tausendmal überlegt und geübt in dem Dezennium zuvor.