Erich Loest und Günter Görlich

Von Fritz J. Raddatz

Nach der Methode der Ausbürgerung unbequemer Literaten bürgert sich in der DDR eine neue Methode im Umgang mit unbequemer Literatur ein: Drücken, aber nicht Verlegen. Das war, man erinnert sich, schon der so verkniffen unaufrichtige wie bequeme Weg, mit Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T." fertigzuwerden (300 Exemplare im Versandsystem an Funktionäre). Kritiken erschienen – nur das Buch zur Kritik fehlte.

Dasselbe geschieht jetzt Erich Loest mit seinem Roman "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene". Der Mitteldeutsche Verlag Halle-Leipzig gab Erich Loest die Rechte zurück, der darf nun über sein Buch "frei" verfügen. Damit existiert es in der DDR nicht mehr. Warum nicht? Der kleine Roman, der im Titel Brechts Gedicht zitiert, wonach im Ablauf der Revolution auf die Mühen der Gebirge die Mühen der Ebene folgen, versucht auf ganz kunstlose Weise ein offenbar grassierendes gesellschaftliches Dilemma zu fixieren: daß Individuen sich immer mehr dem Anspruch eines allmächtigen Staates und seines Rädersystems (hierzulande Leistungsdruck genannt) entziehen wollen. Bei Loest geht daran eine Ehe kaputt, weil die sieggewohnte Karrierefrau mit einem "Schlappschwanz" nicht leben mag; den es etwa ekelt, wenn Kinder nicht spielerisch, sondern mit Hundedisziplin zu Sportleistungen angestachelt werden; dem es etwa leid tut, daß Zensuren erteilt werden, wo Märchen erzählt werden sollten; dem es nicht paßt, sich bei einem "Kinderbesitzer" zu entschuldigen, den er beleidigt hat.

Der Ingenieur Wulff ist ein Mann ohne Ehrgeiz – damit hat Loest keineswegs eine hochkomplizierte Romanfigur in der Tradition Musils geschaffen, sondern hat wieder einmal, gewiß unabsichtlich, vorgeführt, daß die DDR-Literatur eine Art Entlastungsfunktion für nicht stattfindende Öffentlichkeit hat.

Es ist wohl das, was man mit dem tautologischen Begriff Inhaltsliteratur kennzeichnen sollte, Bericht über eine nicht zugelassene Debatte. Loest ist kein Schriftsteller von literarischen Gnaden, kein Wortspieler, aber auch kein Wortverdreher. Daß eine solche unaufgeregte, protokollführende Erzählung von der Müdigkeit, sich ständig in Anspruch nehmen zu lassen, die DDR-Kulturbürokratie bereits so trifft, daß man das Buch nicht zu erdulden vermag, zeigt auf verquere Weise zugleich seine Wichtigkeit, zumal wenn man es mit der Lieblingslektüre des DDR-Kulturministers vergleicht, mit dem Buch "Eine Anzeige in der Zeitung" von Günter Görlich, das Hans Joachim Hoffmann auf der letzten Leipziger Buchmesse trotzig als neue Möglichkeit den abgewanderten Dissidenten entgegenhielt. Auch hier die Fabel vom unbequemen, sich nicht anpassen Wollenden, von dem jungen Lehrer, der die ausgefahrenen pädagogischen Bahnen einer gemächlich dahinzuckelnden Modellschule sprengen will. Auch hier der einzelne als Störfaktor, das ganze aber geglättet, gefällig gemacht und zu einem positiv überschminkten guten Ende geführt. Der Selbstmord des Lehrers schließlich ist nur die Verzagtheit eines jungen Menschen vor unheilbarer Krankheit, ist das Wegwerfen eines Lebens, das aus medizinischen Gründen als nicht mehr lebenswert empfunden wird. Damit biegt Görlich einen moralischen Konflikt in einen medizinischen um, ein politisches Problem in ein technisches. Das ist das bewährte Muster aller Trivialliteratur, wo Konflikte bloßgelegt werden müßten, werden sie zugeschüttet.

Die beiden schmalen Prosabände sind gleichsam konvergierende Signale für den augenblicklichen Stand der Literatur-Entwicklung in der DDR.