Von Jürgen Werner

Use me or sell me" – Kevin Keegan erklärte mir mit diesem einfachen Satz, welche Alternative er seinem Gesprächspartner, Manager Günter Netzer vom HSV, deutlich gemacht habe. Dieser wiederum bestätigt mir, daß er noch nie in seiner gewiß an Erfolgen, Erfahrungen und Erlebnissen mit Profi-Fußballern nicht gerade armen Fußballkarriere einen solchen Mann kennengelernt habe: "Er ist nicht nur charakterlich völlig einwandfrei, offen und ehrlich, sondern auch ein Spieler, der sich selbst beschuldigt, er sei nicht gut genug."

Nun könnte ein Außenstehender solche Äußerungen bei einem Engländer für gezieltes Understatement halten oder gar – um im Bild zu bleiben – für ein "fishing for compliments". Böswillige meinen, den Hintergrund im Streben des Superstars nach noch mehr Profit und Prestige zu erkennen. Das Gegenteil versicherte er mir: "Ich will nicht mehr Geld, weil ich tatsächlich genug verdiene. Ich werde aber zu hoch bezahlt für das, was ich beim HSV tue."

Meinen Einwand, er sei – wie auch im Spiel gegen Hertha BSC (4:1) – stets der überragende Spieler in einer nicht immer überzeugenden Mannschaft, kommentiert er mit den Worten: "That’s the problem." Darin kommt aber keineswegs die Hybris des Volkshelden, der niemanden. neben sich duldet, zum Ausdruck, sondern das Bedürfnis des Fußballartisten, dem Publikum stets, das Beste zu bieten. Ein wenig ratlos, fast resignierend stellt er dann die Frage an mich: "Sehen die Mitspieler das nicht, können sie es nicht, oder wollen sie es nicht?"

Günter Netzers Satz fällt mir ein: "Auch ich bin der Meinung, die Mannschaftskameraden nutzen Kevins Fähigkeiten zu wenig aus. Ich teile seine Meinung, man könnte mehr aus ihnen machen als bisher." Insofern besteht Konsens zwischen dem heutigen und damaligen Weltklassefußballspieler. Das Problem, das es also zu lösen gilt, liegt auf dem Tisch: Wie setzt man diesen nach meiner Ansicht legitimen Anspruch Kevin Keegans, Fußball nach seiner Art zu spielen, in die Wirklichkeit einer so heterogenen Mannschaft wie der des HSV um: denn da spielen ja Handwerker neben Künstlern, Junge neben Alten und alle zusammen Fußball, von dem Kevin Keegan im Moment meint, er sei zu defensiv, zum Teil zu langsam und vor allem weitgehend ohne wirkliche Flügelstürmer angelegt.

"We have the duty to attack" – Erinnerungen an seine Zeit in Liverpool werden wach, eine Mannschaft, die wie keine andere in der Lage war, durch ihr eigenes Spiel dauernden Druck auf den Gegner auszuüben. Den Unterschied zum HSV hatte Kevin Keegan mir einmal mit "a good team in Hamburg, an excellent team in Liverpool" deutlich gemacht. Im Gespräch betont der heute 27jährige Superstar, der 1971 als 20jähriger Nobody bei Liverpool begann, allerdings, daß vieles besser geworden sei. Manfred Kaltz, mehrfacher Nationalspieler des HSV, zum Beispiel habe, bevor er seinen Vertrag mit dem Verein verlängerte, ihn gefragt, wie lange sein Vertrag noch laufe.

Erstens ein Indiz für die Bedeutung, die Kaitz der Spielerpersönlichkeit Kevin Keegan für die Mannschaft des HSV beimaß, zweitens aber auch ein Vertrauensbeweis eines Profis, der normalerweise die eigene Werteinschätzung unabhängig von Leistungen anderer vornimmt. Doch hier signalisiert dieses Verhalten die Erkenntnis, daß ohne Kevin Keegan wahrscheinlich nicht mehr viel läuft beim HSV. Diese eigentlich selbstverständliche Grundeinsicht Keegans, "wenn ich gut bin, ist das für alle gut in der Mannschaft" – hat sich offensichtlich längst nicht bei allen Spielern durchgesetzt.