Nato-Manöver demonstrieren einen Aufschwung in der Einsatzbereitschaft

Von Lothar Ruehl

Panzerkolonnen, Hochbetrieb in den amerikanischen Vorratslagern, Landungen von Großraum-Transportflugzeugen aus Nordamerika auf den Luftstützpunkten Ramstein und Frankfurt sind in diesen Tagen das äußere Bild der großen Nato-Herbstmanöver in der Bundesrepublik. Es sind mehr als 200 000 Mann, die mehrere Wochen lang an Manövern beteiligt sind. Der Nato-Oberbefehlshaber Europa-Mitte, General Franz-Josef Schulze, sagt: "Selbst zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. waren so große Manöver im Deutschen Reich nicht im Gange." Daß sich die drei deutschen Heereskorps, dazu die beiden amerikanischen, die britische Rheinarmee, die beiden nationalen Armeekorps aus Belgien und Holland in der Bundesrepublik versammeln, hat einen exemplarischen Wert.

Das Kernstück der Vorbereitungen ist wie in jedem Jahr die Verstärkungsübung Reforger (ein Kürzel, das aus der amerikanischen Formel für die Rückkehr von Truppen nach Deutschland entstand). Gemeint sind damit zunächst ausschließlich US-Truppen, die aus den Vereinigten Staaten nach Westeuropa, zumeist in die Bundesrepublik, kommen, um hier an Großübungen teilzunehmen. Die Amerikaner hätten auf dem Höhepunkt des Krieges in Vietnam zeitweilig bis zu 37 000 Soldaten abgezogen und zwei geschlossene Brigaden und vier Kampffliegerstaffeln auf Dauer nach Nordamerika zurückgeführt, um sie als Teil der zentralen Heeresreserve, allerdings für die Verstärkung der US-Streitkräfte in Europa, im eigenen Land bereitzuhalten. Seitdem kehren alljährlich im Herbst entsprechende Verbände für mehrere Wochen in das deutsche Stationierungsgebiet zurück.

Reforger 1978 und die ihm zugeordnete Luftwaffenverstärkung der Amerikaner, Crested Cap, dienen in diesem Jahr der Erprobung eines weitgesteckten Zieles: die Zahl der amerikanischen Kampftruppen in Mitteleuropa im Spannungsfall binnen zehn Tagen zu verdoppeln, die Zahl der Kampfflugzeuge binnen sieben Tagen sogar zu verdreifachen. Dieses Verstärkungsprogramm für Krisenfälle ist einer der beiden amerikanischen Hauptbeiträge zu der im vergangenen Frühjahr auf der Gipfelkonferenz in Washington beschlossenen langfristigen Stärkung der Nato.

Daß diese Verpflichtung keine Selbstverständlichkeit war, hatte im Mai 1977, also nur ein Jahr vor diesem Beschluß, Carters Verteidigungsminister Harold Brown dadurch deutlich gemacht, daß er den Haushaltsansatz für Reforger 1977 in Höhe von 50 Millionen Dollar aus dem Militärbudget strich. Seine damalige Begründung: Auf Betreiben des Nato-Oberbefehlshabers in Europa habe er gerade zwei zusätzliche Brigaden zur Stationierung in Europa genehmigt; die frühere Verpflichtung gegenüber den Verbündeten, in jedem Jahr die beiden abgezogenen Brigaden und die vier zurückgezogenen Kampffliegerstaffeln zur Übung zurückzuschicken, sei damit erfüllt worden. Reforger könne deshalb wegfallen.