Von Heinz-Günter Kemmer

Heute wollen es alle schon damals gewußt haben – aber vor nunmehr vier Jahren, im September 1974 also, sprach noch niemand laut und öffentlich über die Stahlkrise. Das Jahr brachte den deutschen Hütten nicht nur einen Produktionsrekord, es füllte auch die Kassen wie kein Jahr zuvor.

Ein Teil der Gewinne – und bei manchem Unternehmen der gesamte Gewinn – ging dafür drauf, die Verluste der Vergangenheit auszubügeln. Größere Rücklagen wurden nicht gebildet – die Unternehmen schlidderten ohne nennenswerte Reserven in ihre schwerste Krise.

Das heißt nichts anderes, als daß die Verluste der vergangenen Jahre voll zu Lasten der Substanz gegangen sind. Und diese Verluste muß man im Schnitt der Jahre wohl mit mindestens einer Milliarde Mark ansetzen – die Eigentümer der Werke sind seit dem Herbst 1974 um diesen Betrag ärmer geworden.

So ist es eigentlich ein Wunder, daß außer den Werken an der Saar nicht schon längst jemand das Handtuch geworfen hat. Erst jetzt tauchen Gerüchte auf, daß es die Klöckner-Werke AG ohne Anlehnung an einen Partner schwer haben werde. Bislang jedoch sind all die Verluste mit halsbrecherischer Bilanz-Akrobatik aufgefangen worden. Aber da sind ehemalige Werkswohnungen abgestoßen worden, da haben wertvolle Grundstücke den Besitzer gewechselt – ab und an wird erkennbar, daß und wo Substanz verlorengegangen ist.

Von all dem unberührt scheint nur der Thyssen-Konzern zu sein, dessen Chef Dieter Spethmann denn auch frühzeitig zum Rückzug aus der Stahl-Kameraderie vergangener Zeiten geblasen hatte: Mit der Krise müsse jeder für sich fertig werden.

Dabei hatte der Branchenführer Thyssen sein Haus rechtzeitig bestellt. Der Standort am Rhein – allen anderen in Europa überlegen – hatte den Kontern zum Spitzenreiter werden lassen sowohl in der Produktion als auch beim Gewinn. Aus den vorerst letzten Stahlgewinnen wurde schnell noch der Verarbeitungskonzern Rheinstahl gekauft. Verkäufer war der jetzige VW-Chef Toni. Schmücker, der nun händeringend nach einem ähnlich strukturierten Unternehmen sucht, um seine Gewinne aus dem Autogeschäft branchenfremd anlegen zu können.