Angriff ist die beste Verteidigung – Helmut Schmidt, mit den militärischen Seiten des politischen Metiers wohlvertraut, müßte sich verleugnen, wenn er es nicht mit dieser Maxime hielte. Gleich in der nächsten Woche, wenn der Bundestag aus den Ferien zurück ist, will er eine Regierungserklärung zur Außenpolitik abgeben. Genauer: zu den Versuchen der Opposition, die Koalition mit Berufung auf Pacepa und Bahr unter Rapallo-Verdacht zu stellen. Diesem Unternehmen soll nun, in offener und offizieller Feldschlacht, die Spitze abgebrochen werden. Und da es in der nächsten Woche, auch um den neuen Bundeshaushalt geht, ist eine innenpolitische Debatte ebenso sicher. Der parlamentarische Herbst wird wie der meteorologische beginnen: stürmisch, Orkanböen eingeschlossen.

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Auch sonst greift der Kanzler und Wahlkämpfer Schmidt an. Pflichtgemäß empört sich die Union darüber, daß er vor den hessischen Stimmbürgern verkündet, es sei gar nicht einzusehen, warum ein so guter Bundespräsident wie Walter Scheel demnächst sein Amt verlassen solle. Eine "parteipolitische Unverschämtheit", schimpft etwa Walter Althammer von der CSU. Denn als stärkste politische Kraft habe die CDU/CSU ein Recht darauf, eine Persönlichkeit aus ihren Reihen zu benennen.

Gewiß ist die Kanzler-Intervention nicht besonders fein. Walter Scheel wird sie auch nur mit Rabatt nehmen. Aber sie hat Methode. Denn sie paßt genau in das Konzept, den Hessen vor Augen zu führen, welche guten Leute sie womöglich in Bonn abservieren, wenn sie Alfred Dregger in Wiesbaden zur Macht verhelfen.

Mit der Sache selbst hat das natürlich überhaupt nichts zu tun. Sogar wenn sich, was keiner annimmt, bei den kommenden Landtagswahlen wahre sozial-liberale Wunder ereignen sollten, die CDU/CSU-Mehrheit in der Bundesversammlung, die das neue Staatsoberhaupt bestimmt, wäre nicht zu erschüttern. Und jedenfalls bisher ist es nur Einzelgängerei, wenn zum Beispiel der CDU-Abgeordnete Hans Evers zu bedenken gibt, ob es nicht politisch klüger, sprich: liberaler wäre, Walter Scheel wiederzuwählen.

Bei der Verabschiedung des ersten Ostberliner Abgesandten in Bonn ging es letzte Woche genauso zu wie im innerdeutschen Umgang: mit einer etwas steifen Vertrautheit. Zu dem Essen, das Kanzleramtsminister Wischnewski dem scheidenden Michael Kohl gab, waren viele erschienen, die an diesem Umgang beteiligt sind oder waren – von Berthold Beitz bis Carl-Werner Sanne, früher zuständiger Abteilungsleiter in der Regierungszentrale, jetzt Staatssekretär des Entwicklungsministeriums.

Ein bißchen Wehmut oder Nostalgie? Das natürlich nicht. Wischnewski sprach davon, wie vieles sich doch schon gebessert habe. Kohl hingegen wollte von den besonderen Beziehungen, die Bonn immer wieder postuliert, auch an der Abschiedstafel nichts wissen. Aber einen besonderen Klang, eine persönliche Brechung gab es doch. "In gewisser Weise verabschiede ich mich tatsächlich ungern", brachte er, wie vom Herzen massiert, heraus. Immerhin.