Von Daghild Bartels

Berlin zelebriert Zirkus – international und total; die diesjährigen Festwochen haben sich dieses Motto gewählt und bieten nun, wohin man sich auch wendet "Zirkus, Circus, Cirque", wie der Spaß polyglott betitelt wird. Herzstück der diversen Veranstaltungen ist eine Doppelausstellung mit gleichem Titel, und zur offiziellen Eröffnung sorgten Tiere für eine angemessene Einstimmung in die circensischen Festspiele: Die Lamas verloren da ihre Käckerchen, mitten in der Nationalgalerie, deren Haupthalle in eine richtige Manege umgebaut wurde. Der Mies-van-der-Rohe-Bau hat damit nicht nur abermals seine Multifunktionalität erwiesen, mit der Manege (diverse Zirkusse werden auftreten) kommt ins Haus, was die Ausstellung selbst nicht bieten kann: Lebendige Zirkusatmosphäre, mit allem, was dazugehört. Zu Beginn sorgten, wie gesagt, die Lamas dafür; die Kamele im Rondell hinterließen größere Beweise ihrer Anwesenheit.

Die Welt der Schausteller in einer Ausstellung publik zu machen, das fahrende Volk und seine künstlerischen Darstellungen in Dokumenten festzufrieren, ist eigentlich ein Widerspruch; Jörn Merkert, der Inszenator dieser Zirkusschau hat ihn jedoch gemeistert. Rund 2500 Objekte trug er (aus meist unbekannten Privatsammlungen) zusammen; Plakate, Programme, Photos, Handzettel oder Dokumente, ergänzt durch typische Requisiten, Kostüme und Kuriositäten.

Zum erstenmal werden damit der Zirkus und seine Geschichte kulturhistorisch ernstgenommen. Denn, so Merkerts Überzeugung, "die Welt des Zirkus, die jeder zu kennen glaubt, gilt es erst noch zu entdecken". Wiederzuentdecken, sollte man besser sagen, denn der Zirkus, der hier ins Museum kam, um zur Kunst promoviert zu werden, ist ein aussterbendes Metier. Statt interpretatorischer Salti, die ihn auf eine Stufe mit den zeitgenössischen, fachübergreifenden Kunstanstrengungen der Avantgarde bringen wollen, hätte er wohl eher ein soziales Sicher-, heitsnetz nötig. Merkwürdigerweise ist in dem vorzüglichen Katalog (der sich, für nur 12 Mark, zum Standardwerk und Bestseller entpuppen wird) davon nicht die Rede.

Ohne jede Einschränkung darf sich dort, wie in der Ausstellung, Nostalgie entfalten. Der Zirkus wird zum intellektuellen Vergnügen veredelt, und er verliert damit vielleicht abermals (wie einmal schön durch den Einbruch der Technik) seine Unschuld und Naivität. Außerdem lauert da die Gefahr, daß es sich hier um einen musealen Abgesang auf diese Frühform populärer Unterhaltungskunst handeln könnte, daß die Menagerien zu Museumsstücken werden. Schluß der Vorstellung? Mitnichten. Die optimistische Parole, die ausgegeben Manege frei!

Der Zirkus, dessen Geschichte hier mit vielen Details nacherzählt wird, hat eigentlich immer alle fasziniert, vor allem Kinder und Künstler; Rilke, Thomas Mann, Kafka, Toulouse-Lautrec oder der frühe Picasso – sie alle haben ihm ein künstlerisches Denkmal gesetzt, ihn verwendet. Aber auch Philosophen widmeten dem Phänomen Zirkus ernste Traktate. So attestierte Adorno der Zirkuskunst, sie "sei keine Vorform, keine Aberration oder Entartung, sondern ihr Geheimnis, das sie verschweigt, um es am Ende preiszugeben". Ernst Bloch kam im "Prinzip Hoffnung" sogar zu dem Kompliment, der Zirkus sei "die einzig ehrliche, bis auf den Grund ehrliche Darbietung, die die Kunst kennt", denn sie verzichtet auf Tarnung und Verhüllung, und auch der doppelte Boden ist ihr im Unterschied zur Magie fremd; "die Gaukler treten auf, doch ohne Gaukelei".

Jörn Merkert versucht die allgemeine Faszination so zu deuten: "In der historischen Entwicklung wird ablesbar, was wir alle schon wußten: daß der Circus eine Außenseiterwelt ist, wenn nicht gar der Welt der Geächteten zugehörig." Die Sehnsucht des Bürgertums, in der bekundeten Solidarität mit diesen Außenseitern, einen Ausweg aus den eigenen Zwängen zu finden, und sei es auf Zeit, war wohl der Grund.