Die amerikanischen Fernsehzuschauer, an Blut und Gewalt gewöhnt, erleben in diesen Tagen ein besonders makabres Schauspiel. Mit allen kriminaltechnischen und klinischen Feinheiten wird ihnen der Mord an John F. Kennedy noch einmal vor Augen geführt. Das Spektakel wurde in keinem Hollywood-Studio gedreht, es wird direkt aus dem nüchternen Sitzungssaal eines Kongreßausschusses gesendet. Die Parlamentarier haben sich vorgenommen, auch die letzten Geheimnisse über den Tod Kennedys zu lüften.

Bislang hat die parlamentarische Leichenschau mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Wie schon zuvor bei der Untersuchung des Attentats auf den Negerführer Martin Luther King kann der Ausschuß keine wesentlichen neuen Erkenntnisse vorweisen. Die seit 15 Jahren wuchernden Spekulationen werden nicht entkräftet, statt dessen wachsen neue Verschwörungstheorien auf dem fruchtbaren Boden von Profilierungsucht und Wichtigtuerei.

Der Kongreß wollte die amerikanische Nation von einem Trauma befreien. Die Legende vom Komplott gegen King und Kennedy sollte endgültig zerstört, die Morde als sinnlose Tat von Psychopathen erklärt werden. Das ist bisher nicht gelungen. Nach Regierungskommissionen und Kriminalisten haben auch die Parlamentarier kein Licht in einige der dunkelsten Stunden Amerikas bringen können. Noch wollen sie weiter nach der Wahrheit forschen. Aber das Ergebnis des Suchens ist absehbar: Der Rest bleibt Zweifel. D. B.