Von Gunter Hofmann

Bonn, im September

Trost und Sicherheit sucht Hans-Dietrich Genscher mehr denn je im Orakel der Demoskopen. Zwischen zwei Stationen im Hessischen erfährt der sorgenbeladene FDP-Chef am Autotelephon die neuesten Zahlen. Seine Partei hangelt weiter an der Überlebensgrenze der fünf Prozent entlang; die Popularitätskurve des Vizekanzlers und Außenministers ist leicht gestiegen, Kanzler Helmut Schmidt liegt unerreichbar vor ihm, Helmut Kohl in Sichtweite hinter ihm, Parteifreund Otto Graf Lambsdorff ist noch auf Distanz, aber im Vormarsch begriffen.

Von der Krise der FDP, in die sie mit den katastrophalen Wahlergebnissen von Hamburg und Niedersachsen schlidderte, ist zwangsläufig auch der Parteivorsitzende erfaßt worden. Die Zukunftsaussichten sind nicht rosig: Bei den Wahlen in Hessen und Bayern geht es immer noch ums nackte Überleben. Wenn die FDP dort untergeht, sind die Folgen für die Bundespartei unübersehbar. Palastrevolutionen scheinen dann nicht ausgeschlossen. Selbst wenn sie in den Wiesbadener Landtag zurückkehrt, bleibt doch die lähmende Sorge, eine "vierte Partei" von Strauß werde ihr allmählich die Luft rauben. Selbst die Nominierung Richard von Weizsäckers zum CDU-Spitzenkandidaten in Berlin buchstabieren die Liberalen jetzt als Affront mit dem Ziel, sie in der geteilten Stadt überflüssig zu machen.

Im Juni schien Genscher entschlossen – so fest, wie er das überhaupt sein kann –, die Wahlen am 8. Oktober als Plebiszit über sein Schicksal und die Zukunft der FDP zu betrachten; daß er bei einem Mißerfolg gehen müsse, hatten ihm viele zu verstehen gegeben. Im Zorn über die hessische Koalitionsaussage für die SPD hatte Wirtschaftsminister – Lambsdorff gedroht, man werde sich am Abend des 8. Oktober in Bonn wiedersprechen, "wenn wir aus dem Landtag geflogen sind". Heute scheint Genscher entschlossen, dennoch zu bleiben. Als Kronzeuge, in eigener Sache wiegelt er ab: "Es gibt in der FDP keine Führungsdiskussion." In dieser Behauptung steckt Wahres und Falsches zugleich.

Wahr ist, daß sich die Einsicht durchgesetzt hat, mit einem Wechsel an der Spitze allein seien die Probleme der Liberalen nicht gelöst. Die Skepsis gegenüber Lambsdorff ist gewachsen. Man könne doch nicht Profillosigkeit gegen einen schnarrenden Kommandanten eintauschen, befand der Düsseldorfer Parteichef Riemer keß. Zeitweise aber schien Lambsdorff all das zu verkörpern, was an Genscher kritisiert wurde. Jetzt werden Klischees von "Sündenbock" und "neuem Star" nicht mehr verwendet.

Falsch ist, daß die Freien Demokraten über die "Führungsspitze" nicht länger nachdenken. Nur mündet die Debatte allmählich wieder in die Frage nach der politischen Orientierung in kritischen Zeiten ein; und daran knüpft sich die zweite Frage, ob Genscher der Mann sei, der sie geben könne.