Von Gabriele Venzky

Port-au-Prince, im September

Was ist los mit Haiti, das Columbus, als er es entdeckt hatte, als Paradies auf Erden beschrieb, das einst die reichste Kolonie Frankreichs war, das die denkbar günstigsten Voraussetzungen hatte, als sich die eine Million Sklaven im Jahre 1804 als erste Negerrepublik der Welt die Unabhängigkeit erkämpften.

Die Antwort: Seit fast zweihundert Jahren bereiten die Haitianer mit Beharrlichkeit den eigenen Selbstmord vor. Seit zweihundert Jahren holzen sie systematisch ihre einst grünen Berghänge und fruchtbaren Flußtäler ab. Noch heute tun sie es – soweit es überhaupt noch etwas abzuhacken gibt. Holzkohle bereiten sie, trotz Verbots durch die Regierung. Was sollen sie sonst tun? Kerosin und Gas können sie sich nicht leisten, um ihre Mahlzeiten zu kochen, und anderes Brennmaterial gibt es nicht.

So ist aus dem Paradies des Columbus heute ein ödes, dürres Stück Erde geworden: Wüste und Dornen. Die wenigen fruchtbaren Ackerflecken an den Flüssen, die noch nicht vertrocknet sind, die Quellen, die noch nicht verlegt sind, machen das nicht mehr wett. Daß überhaupt Menschen in diesem Geröll und Kakteengestrüpp überleben, scheint wie ein Wunder; wovon sie leben, ist ein Rätsel. Dabei war das Jahr 1978 für Haiti ein grünes, ein fettes Jahr. Es hat geregnet, etwas, was es sechs Jahre lang nicht getan hatte. Im vergangenen Sommer verhungerten denn auch die Menschen zu Tausenden. Es dauerte Monate, bis die Außenwelt etwas davon erfuhr, weil die Regierung diese Nachrichten unterdrückte.

Erst allmählich beginnen die Ministerien zu begreifen, daß die Chancen für das Land gleich Null sind, wenn es sich weiter auf Gedeih und Verderb den Launen des Wetters ausliefert. Der Planungschef für die ländliche Entwicklung gibt denn auch zu: "Wenn der Regen ausbleibt, ist die Katastrophe da." Kein Wunder, daß 80 Prozent aller Kinder unterernährt sind, daß hier die Sterbequote noch höher ist als unter den Erwachsenen. Von 1000 Neugeborenen erleben 149 ihren ersten Geburtstag nicht (Bundesrepublik 21, Schweden 9), und die Hälfte der Kinder, die im Alter von ein bis vier Jahren sterben, sterben an Ursachen, die vermeidbar wären: an Tetanus, Unterernährung und Infektionen der Atmungsorgane.

Obwohl jede Mutter sechs bis acht Kinder gebiert, ist die Bevölkerungszunahme für ein Entwicklungsland überraschend gering: 1,6 Prozent – wegen der hohen Sterblichkeitsquote. Die Chancen auf ein menschenwürdiges Dasein werden von Jahr zu Jahr geringer: 80 Prozent der fünf Millionen Haitianer sind Analphabeten, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei etwa 260 Mark im Jahr.