1. Die Lage: Am 19. November 1977 reiste Präsident Sadat ins feindliche Jerusalem, um vor der Knesset zu sprechen die Weltgeschichte kennt keinen Akt ähnlichen Mutes; der Gang nach Canossa war einfacher. In Jerusalem wurde Sadat von der Regierung freundlich, von der Bevölkerung herzlich begrüßt. Wie aber – bangte man damals – würde Sadat, zurück in Kairo, dort empfangen werden? Die Rückkehr war triumphal. Das Volk in Kairo hatte es satt, zum Ruhme der anderen arabischen Länder und der Diktatoren im eigenen Lande an Israels Grenzen zu verbluten. Bewegend war auch, wie israelische Unterhändler in den Wochen danach in Ägypten empfangen wurden. Sie wurden gefeiert, herzlich und ohne Einschränkung.

Sadat und alle Ägypter wußten aber: Den Frieden bedeuteten Begeisterung der Ägypter und Zufriedenheit der Israelis noch nicht. Die Ägypter müssen auf der Rückgabe der von den Israelis nach dem letzten Krieg eroberten Gebiete bestehen, einige Sicherheitskorrekturen ausgenommen. Die Araber wissen aber auch, daß gerade dadurch an Westjordaniens Grenze für Israel Sicherheitsprobleme entstehen, die kein Vertrag und keine Kontrolle voll lösen können. Freunde werden die dort lebenden Araber und neu siedelnde Palästinenser den Israelis auf keinen Fall sein, Neutrale vielleicht, möglicherweise aber Feinde. An seiner schmälsten Stelle ist Israel 19 Kilometer breit, vom Toten Meer liegt es drei Autostunden entfernt, im Flugzeug dauert es wenige Minuten.

Jeder Araber hätte einen angstvoll besorgten Begin und seinen Ruf verstanden: Wer garantiert Israel seine Sicherheit? Statt dessen erklärte er Westjordanien nicht für erobert, sondern für "befreit". In Wahrheit gehört zum Beispiel Samaria seit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft (539 v. Chr.) nicht mehr zum Reiche Davids.

2. Die Lösung: Präsident Carter wird also die Welt auf seiner Seite haben, wenn er Begin jeden Anspruch auf Westjordanien verweigert, Israel aber Sicherheit verspricht. Aber wie kann er das? Allerdings darf Israel nicht vergessen, daß es auch jetzt nicht "absolut" sicher ist, trotz seiner militärischen Überlegenheit im Augenblick.

Uns Deutsche schützt vor der sowjetischen Gefahr nur die amerikanische Garantie. Und wir fühlen uns sicher darin. Freilich nur, weil die USA zweihunderttausend ihrer jungen Bürger als Soldaten zum Schutz in unser Land gesandt haben. – Also amerikanische Soldaten nach Israel und ins Westjordanland? Carter wäre vielleicht dazu bereit; aber die Nation zögert, mit Recht.

Als der letzte israelisch-arabische Krieg begann (1973), der Ausgang aber noch nicht sicher war, mußten die Amerikaner bei den .europäischen Verbündeten um das Recht bitten, aus der Bundesrepublik Truppen und Waffen für den Transport nach Israel abzuziehen; amerikanische Flugzeuge mußten heimlich über Westeuropa fliegen, um nach Israel zu gelangen. Wenn Bahr und Brandt (damals Kanzler) heute in Amerika mit Mißtrauen betrachtet werden, dann, weil man sich jener bitteren Tage erinnert.

Das kann sich anders; Wenn die Vereinigten Staaten und ihre wichtigsten westlichen Verbündeten bereit sind, die Unverletzlichkeit der arabisch-israelischen Grenzen zu garantieren. Diesem Angebot könnte sich selbst Begin nicht entziehen.