Von Horst Bieber

Kassel

Rudi Arndt wurde fast poetisch: "Kassel – das ist beinahe der Mittelpunkt der SPD." Für den vergangenen Sonntag traf es (fast) zu: (Fast) alles, was in der SPD Rang und Namen hat, war in die nordhessische Stadt geeilt, um etwas aus der Taufe zu heben, das in der Abkürzung so häßlich klingt wie mit vollem Namen: "Bundes-SGK" oder "Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik in der Bundesrepublik Deutschland e. V.".

Häßlich, aber wichtig, so wichtig, daß "trotz gewisser Bedenken" – Willy Brandt wollte sie nicht leugnen – ein eingetragener Verein gegründet wurde: Die Kommunalpolitiker mucken auf; die Basis der Sozialdemokratie, "der wir unsere politischen Erfolge verdanken", wie ein Redner die Vergangenheit – beschwor, will sich nicht länger den übergeordneten Interessen der Länder und des Bundes beugen.

So kamen sie nach Kassel, in die Heimatstadt Holger Börners, der am 8. Oktober die Landtagswahl gewinnen will, was durchaus möglich erscheint, obschon die SPD bei den letzten Kommunalwahlen heftig Prügel bezog. Da gilt es, Flagge zu zeigen, Bürgernähe und Entschlußkraft zu beweisen, Terrain wettzumachen im hessischen Wahlkampf.

Börner und der agile Oberbürgermeister von Kassel, Hans Eichel, demonstrierten es – in fliegendem Wechsel nahmen sie an einer Wahlveranstaltung und an der Gründung der SGK im großen Saal des Staatstheaters teil.

Doch die Medaille hat ausnahmsweise drei Seiten, und für diese dritte Seite saß Dortmunds Oberbürgermeister Günter Samtlebe auf der Bühne, erste Reihe Mitte. Tags zuvor wären er und die SPD-Kommunalrebellen in Bonn beim "Herrn Bundeskanzler" gewesen. Vier Stunden hatten sie um die Streichung der Lohnsummensteuer gestritten, die gerade an Rhein und Ruhr ein gutes Viertel der Gemeindeeinnahmen ausmacht, ohne handfeste Ergebnisse; das Versprechen, für vollen Ausgleich der Verluste zu sorgen, war nicht neu, und das Hilfsversprechen, in einer gemeinsamen Kommission den Finanzersatz auszuhandeln, war wie eine Schmerztablette – sie lindert momentan, aber heilt nicht.