Josef Neckermann war mit seinem Wagen im Mittagsverkehr steckengeblieben. Er entschuldigte sich fast eine Minute lang. Jetzt hatte er genau fünfzehn Minuten Verspätung. Weil er seinen Zigarettenstummel gerade in den Aschenbecher drückte, sah ich auf die Uhr über dem Tachometer. Dann kam es zu knappen Sätzen über Frankfurt, und von Frankfurt kam er gleich auf Berlin. Josef Neckermann sprach länger über das alte Berlin und ich kürzer über das neue. Und zwischendurch sprach er immer wieder von Deutschland. Von Berlin kam er noch kurz auf München.

Endlich waren die Straßen frei. Von der Autobahn wechselten wir auf eine Asphaltstraße. Von dort ging es auf einen Feldweg, der auch asphaltiert war und sich durch Acker schlängelte. Wo man sie gar nicht erwartete, tauchten Hecken und Bäume auf, und ein Tor öffnete sich automatisch. Josef Neckermann hatte seinen Zeitplan eingehalten: knapp zwanzig Minuten lagen hinter uns.

Der Bungalow sollte nicht mit aufs Photo, vor allem das Innere des Bungalows nicht und nicht einmal die Terrasse. Die Putten gehörten in den Bungalow so wie die Heiligenfiguren im Halbdunkel, und die Maßarbeit der Möbeltischler und Polsterer. Die weiten ineinandergehenden Räume steigern Erwartungen. Beim Setzen war Josef Neckermanns Krawatte aus dem schwarzen Sakko geschlüpft. Er schob sie wieder hinein und strich über den aufgedruckten Pferdekopf. Er machte einen Lungenzug. Ich wollte ihn fragen, ob er schon als Schüler geraucht habe, aber dann fragte ich: "Warum haben Sie eigentlich kein Abitur gemacht?" "Ich habe die Obersekundareife. Zum Abitur hätte es auch gereicht. Mathematik, Deutsch und Geschichte waren meine Renommierfächer, nur in Botanik versagte ich. Aber nach, dem Tode meines Vaters mußte ich die Schule abbrechen. Ich war der älteste Sohn. Wir hatten eine Kohleneinzel- und -großhandlung in Würzburg. Dreißig Pferde zogen die Wagen..."

Ich sah die ganzen Pferde vor mir und die Kohlenträger. "Ja, und ich wollte Kavallerieoffizier werden. Meine Vorbilder waren Prinz Sigismund von Preußen und Freiherr von Langen. Mein Vater hatte mir aber das Versprechen abgenommen, mit dem Reiten Schluß zu machen, falls ihm etwas zustieße. So wurde ich Handelskaufmann. Die Fragen der Brennstoffversorgung interessierten mich damals schon, und ich stellte meine Überlegungen unter das Motto: Vielseitiger und rationeller. In England und Belgien arbeitete ich auch unter Tage. Die englische Lebensart ist für mich bestimmend geworden."

Im Wagen hatte Josef Neckermann schon vier Zigaretten geraucht. Die Lungenzüge hörte man. "Und dann kam das Dritte Reich", sagte ich, "und Sie arisierten das jüdische Textilgeschäft Ruschkewitz in Würzburg und ein Versandhaus in Berlin. 1933 waren Sie neunzehn Jahre alt." Josef Neckermann zündete sich wieder eine Zigarette an. Und nach dem ersten Lungenzug sagte er:

"Der Direktor der Dresdner Bank in Würzburg, übrigens auch ein Jude," erteilte mir den Auftrag, und mein Vormund, ebenfalls Jude, war der Rechtsberater der Ruschkewitz. Herr Ruschkewitz schenkte mir sogar sein Arbeitszimmer mit sämtlichem Zubehör. Nach dem Krieg trat der zurückgekehrte Vormund und Rechtsberater in der Wiedergutmachungs-Angelegenheit der Ruschkewitz dann gegen mich auf. Ob von den Ruschkewitz noch jemand lebt? O Gott, das weiß ich nicht."

Falten haben sich in Josef Neckermanns Gesicht nicht eingegraben, sie bilden sich nur, wenn er lächelt. Die Haut hat noch Spannung. Und man blickt auf seine ebenmäßigen Zähne und die breit abdeckende Brille.