Von Joachim Peter

Die Nacht war furchtbar. Unsere Kabine liegt an der Leeseite. Das Schiff überholte schier endlos. Die "Teniers" machte wilde Sprünge wie ein Mustang beim Rodeo oder fand nach bedenklicher, Seitenlage, gleich einem Stehaufmännchen, inmitten der haushohen Wellen ein kurzes, mittleres Gleichgewicht. Wir Passagiere hatten es nicht anders gewollt. Nach Wochen voll blauen Meeres und weißer Sonne, nach Karibikstränden mit sanft sich wiegenden Palmen, nach sternenklaren Tropennächten stank uns das süße Leben. Abends an der Schiffsbar, auf der Rückfahrt über den Atlantik, waren wir uns einig: Ein Sturm gehört zur zünftigen Seefahrt. Jetzt hatten wir einen Orkan. Vielmehr: Er hatte uns.

Vor neun Tagen, in New Orleans, war es schon mal fast soweit. Draußen im Golf lauerte die "Amanda"; die Schlagzeilen drohten: Der Hurrikan kommt über die Stadt. Doch die launische Dame drehte ab und suchte sich einen anderen Tanzpartner.

Im mexikanischen Golf streifte uns die zweite der stürmischen Schwestern, "Belinda". "Carla", die dritte, kam außer Atem, als sie uns über den Atlantik nachjagte. Der Orkan im frühherbstlichen Nordatlantik, der uns schließlich packte, blieb namenlos.

Ein Frachtschiff ist kein Kreuzfahrer. Es hat keine Stabilisatoren, die bei starkem Seegang dämpfen, es fährt auch nicht die Schönwetterroute, sondern den schnellsten Weg, und das ist nicht immer der bequemste. Aber auf unserem immerhin 11 000 Tonnen großen Frachter fühlten wir uns sicher und wohl. Als Passagier braucht man ja auch nicht mitten im Orkan auf der Decksladung herumzuturnen und sie sichern. So was genießt man als Schauspiel, das andere vorführen, etwa als die See die Fenster des auf Deck verzurrten Omnibusses zerschlug und die Matrosen ihn unter harten Brechern in Segeltuch einwickelten.

Wider persönliche Unbill hatten wir einige Sturmtips bekommen: Die Tischdecke wird naß gemacht, damit Teller und Tassen nicht rutschen, gleiches gilt für die Bar. Auf Deck empfiehlt es sich, immer gegen den Neigungswinkel anzulaufen und beim Überholen des Schiffes festen Halt zu suchen. Sonst holt man sich blaue Flecken oder bricht sich gar die Knochen. In der Kabine sollte man Keilkissen oder Bretter seitlich zwischen Matratze und Bettrand hochkant stellen; man kann dann nicht aus dem Bett herausrollen, nachts möglichst quer zum Schiff legen. Die Ruhe in dieser Lage wird allerdings durch größere Gefahr der Seekrankheit erkauft.

Unser Orkan hatte Folgen: Die "Teniers" drehte auf südlichen Kurs und stampfte in Richtung Dakar, aus dem Sturmzentrum heraus. Nicht aus Rücksicht auf die Passagiere, sondern der Deckladung wegen. Für den Zeitplan hatte das Folgen. Zwei weitere Tage gingen verloren. Wir hatten schon einen zusätzlichen Hafen angelaufen und zwei Tage mehr als geplant vor Tampico gelegen. Ein paar Reisetage mehr zum gleichen Fahrpreis, wie der kleine Klub mitfahrender Pensionäre erfreut feststellte.